Lohnt sich soziales Engagement?
Geschrieben von Olesya Storozhuk    Bookmark and Share
Donnerstag, 19. 02 2009
Im November 2008 wurde dieses Interview mit Jörg Drescher geführt, in dem er zum Grundeinkommen befragt wurde und wie er auf die Idee kam, das Journal "SMI²LE - Blick in die Zukunft " zu machen. Das Interview ist in der Erstausgabe enthalten, die am 21.01.2009 erschien.

Jörg, Sie sind Mitglied bei BIEN (Basic Income Earth Network) und beim Deutschen Netzwerk Grundeinkommen. Wie ist der Stand der Diskussion?

Im Juni 2008 war ich bei dem 12. internationalen Kongress von BIEN in Dublin und hatte das Gefühl, dass die Idee eines Grundeinkommens eine Art „neue Religion“ ist. Die Anhänger klopfen sich gegenseitig auf die Schulter, aber haben Angst, anderen Menschen und Organisationen von ihren Überlegungen zu erzählen. Dabei schauen sie auf die Entwicklung in Deutschland und warten ab.

Ende Oktober war ich dann in Berlin auf dem 3. deutschsprachigen Kongress, der unter anderem vom Netzwerk Grundeinkommen organisiert wurde. Die Diskussion ist in Deutschland weit fortgeschritten, vor allem, weil Götz Werner 2005 eine Werbekampagne in überregionalen deutschen Zeitungen startete und damit einen wichtigen Impuls für eine öffentliche Auseinandersetzung gab. Seither tritt er regelmäßig öffentlich auf, wobei sich das Interesse abschwächt. Die Diskussion hat sich tot gelaufen, weil die Argumente ausgetauscht sind und real nichts passiert.

Warum machte Götz Werner diese Aktion?

Sie müssen wissen, dass Götz Werner Chef einer deutschlandweiten Drogeriemarktkette ist. Dieser Name wurde bei jedem Bericht über seine Ideen und Vorschläge erwähnt. Außerdem leitet er das Interfakultative Institut für Entrepreneurship an der Universität Karlsruhe.

Das Wort „Entrepreneurship“ finde ich fürchterlich, weil niemand so richtig weiß, was das bedeutet. Letztlich beschäftigt man sich mit neuen Marktchancen, Geschäftsideen und deren Umsetzung.

Man könnte also meinen, dass Herr Werner eine „verrückte und utopische Idee“, die das Grundeinkommen nun mal ist, dazu benutzte, um für sich und seine Drogeriemarktkette „kostengünstig Werbung“ zu machen. Ist er demnach ein Menschenfreund oder war es kühle Berechnung? Lohnt sich soziales Engagement?

Würden Sie nicht auch lieber bei einem Händler einkaufen gehen, von dem Sie wissen, dass er sich sozial engagiert und der sich für Menschen einsetzt?

Götz Werner gilt als bekennender Anthroposoph. Er schloss die Waldorfschule ab und in seinem Unternehmen herrscht offenbar ein sehr positives Arbeitsklima.

Der Baustoffhersteller Knauf unterstützt zum Beispiel in der Ukraine auch Kindergärten in den Städten, wo er seine Betriebe gebaut hat. Hier können Sie auch fragen, ob die Firma das allein aus Menschlichkeit tut.

George Soros machte als Investmentbanker Milliarden Dollar und gründete später eine Stiftung, um Sozialprojekte zu finanzieren.

Ein weiteres Beispiel ist Viktor Michailovich Pinchuk. Er zählt zu den reichsten Menschen in Osteuropa. Die von ihm gegründete „Viktor Pinchuk Fondation“ ist eine philanthropische Organisation, die in der Ukraine Projekte unterstützt, um das Land zu modernisieren und neue Führungskräfte auszubilden...

Damit nimmt Pinchuk allerdings Einfluss auf die zukünftige Politik des Landes! Oder meinen Sie, dass es ein Gebot des Herzens ist?

Natürlich haben solche Leute indirekten Einfluss, aber muss das immer negativ sein?

Selbstverständlich kann man die Frage stellen, ob es ein Gebot des Herzens ist. Es ist vollkommen klar, dass es neben der edelmütigen und großzügigen Entscheidung auch rationale Gründe gibt. Keine Investition ist besser und wirksamer, als ein gute Erinnerung für die Nachfahren.

Soweit ich verstehe, sieht die orthodoxe Kirche Reichtum als „Sünde“ an - im Gegensatz zur protestantischen Ethik, nach der westliche Unternehmer leben.

Entsprechend kann man „soziales Engagement“ auch als besondere „Bußform für Reiche“ sehen. Letztlich beruhigt man dadurch sein Gewissen. Zusätzlich schafft man sich auch noch einen guten Ruf zu Lebzeiten und darüber hinaus...

Sie sind viel herumgereist und leben seit 6 Jahren in der Ukraine. Wie sehen Sie die Situation auf der Welt?

Im Prinzip ist die Situation in jedem Land der Erde gleich. Das politische Ziel ist in der Ukraine - wie auch in Russland oder Deutschland - durch einen Amtseid festgelegt. Dieser schreibt, zumindest moralisch, vor, dass sich der Eidesleistende für das Wohl der Bevölkerung einzusetzen hat und den Nutzen mehren und Schaden abwenden soll. Was sollte sonst der Zweck eines Staates sein?

Leider ist es nun so, dass das Wohl des Volkes nicht definierbar scheint. Man unterliegt dem Trugschluss, sich deshalb für das Wohl der Wirtschaft einzusetzen. Geht es der Wirtschaft gut, so die Annahme, geht es auch der Bevölkerung gut. Damit werden jene ausgeschlossen, die eben nicht „wirtschaftlich“ sind - wie Kinder, Alte, Kranke, Behinderte und neuerdings, so jedenfalls in Deutschland, Arbeitslose.

In den USA und Europa wurden Milliarden locker gemacht, um der Wirtschaft zu helfen – direkte Hilfe für die Bevölkerung gibt es nicht. Ähnlich ist es in der Ukraine. Der Internationale Währungsfond (IWF) stellte sogar eine Bedingung, als es um die Zusage des Kredits für die dringend benötigte Wirtschaftshilfe ging, dass die sowieso schon niedrigen Sozialleistungen nicht erhöht werden dürfen.

Wie kamen Sie auf die Idee dieses Heft zu machen? Welches Ziel verfolgen Sie damit?

Mir geht es hauptsächlich um Aufklärungsarbeit und um eine positive Vision für die Zukunft. Täglich werden wir durch die Medien mit Schreckensmeldungen überschüttet, die jede Hoffnung auf eine positive Zukunft vernichten. Dabei gibt es sehr viele gute Ideen.

Mir geht es um die Vermittlung von Grundlagen, woher Probleme eigentlich kommen und welche Lösungsansätze existieren.

Fühlen Sie sich als Prophet einer besseren Welt?

(lacht und dann ernst) Haben wir nicht alle irgendwie den glauben, wenigstens tief in uns, dass wir etwas besonderes sind? Dass wir etwas bewegen können? Dass wir andere Menschen irgendwie glücklich machen können? Und dass wir unsere Welt so verändern können, wo es schöner ist zu leben? Hatten wir nicht schon alle solche Momente, in denen uns die Vorstellung klar vor Augen stand, was für uns Lebensqualität bedeutet? Als wir wussten, was wir uns wünschen?

Aber unsere tägliche Routine lässt uns keine Zeit mehr darüber nachzudenken. Es gibt nur vage Vorstellungen. Aber das hindert uns daran, um den Schritt zu wagen, unsere Träume zu verwirklichen. Die meisten Leute haben ihre Träume ganz verloren, weil sie durch ihren Überlebenskampf gefangen gehalten werden.

Welche Vorstellung haben Sie selbst von der Zukunft?

Im Gegensatz zum Sozialismus aus der Sowjetzeit, wo der Kommunismus als unerreichbares Ziel propagiert wurde, möchte ich reale Ziele.

Ein nichtmonetäres Grundeinkommen ist sofort umsetzbar, indem jeder damit beginnt, in seinem Umfeld, in seiner Familie, im Berufsleben und in der Nachbarschaft für mehr Menschlichkeit, mehr Geduld, mehr Verständnis und mehr Achtung vor dem Andersdenkenden zu sorgen. Wir sollten öfters Danke sagen, Hilfe anbieten und die Situation anderer verstehen. Aber leider erwarten wir viel zu oft Gegenleistungen für unser Tun, weil wir von etwas leben müssen. Doch dabei vergessen wir, dass auch „Luft und Liebe“ zum Leben notwendig sind.