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Aw: Grundeinkommen und Gerechtigkeit (1 Leser) (1) Gast
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THEMA: Aw: Grundeinkommen und Gerechtigkeit
#87
ThomasWeber (Benutzer)
Fresh Boarder
Beiträge: 1
graphgraph
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Grundeinkommen und Gerechtigkeit vor 1 Jahr, 4 Monaten Karma: 0  
In diesem Thema wird dieser Beitrag diskutiert: Grundeinkommen und Gerechtigkeit

Lieber Jörg Drescher,

vielen Dank für Deine anregenden Ausführungen.

Die Suche nach Antworten auf Was ist?-Fragen, also nach Definitionen, nach Abgrenzungen führt – das können wir vom platonischen Sokrates lernen – immer in eine sprachlich/logische Ausweglosigkeit (Aporie), weil sie letztlich darauf gerichtet ist, Unaussprechliches auszusprechen.

In demokratischen Verhältnissen können Antworten auf „Was ist-Fragen“ nur eine sprachlich/argumentative Bedeutung haben, wenn die sprachlich/gedanklichen Voraussetzungen, von denen her die Fragen beantwortet werden, unstrittig, definierbar, d.h. abgrenzbar sind. Das sind sie aber letztlich nicht.

Menschenwürde, Menschenrechte, die Grundlagen unserer Demokratie beziehen freilich Ihre Letztbegründung nicht aus sich selbst heraus „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann (Böckenförde).

Dass die Antworten auf „Was ist? - Fragen“ in der Demokratie nicht direkt weiterhelfen, heißt allerdings nicht, dass es Gerechtigleit nicht gibt. Die Frage, Was ist Gerechtigkeit? läßt sich ja erst wirklich stellen, wenn man annimmt, dass es Gerechtigkeit überhaupt gibt oder geben kann.

Für die politische Gestaltung und den demokratischen Diskurs reicht diese Annahme, dass es Gerechtigkeit gibt, auch wenn wir Gerechtigkeit nicht einfach und konsensual definieren können, völlig aus.

Auf das Grundeinkommen bezogen würde ich daher politisch eher die Frage stellen? Würde das Grundeinkommen die Welt gerechter werden lassen?

Die Antwort „Ja“ ist mir da aus meinen Erfahrungen und aus dem, was ich bisher über die Idee des Grundeinkommen und die Verhältnisse in der Gesellschaft und der Welt weiß, unmittelbar plausibel.

Und die Überlegungen, die mir bekannt sind und die da nahelegen wollen, dass das Grundeinkommen ungerecht ist, scheinen mir dagegen aus meinen Erfahrungen heraus unmittelbar unplausibel.

Für die demokratische Auseinandersetzung ist es nicht wenig, sich auf in Erfahrung –und dafür ist jeder sein eigener Experte -begründete Plausibilität berufen zu können.

In diesem Sinne ist das Grundeinkommen eine Idee, die aufgrund der Erfahrung von immer mehr Menschen plausibel wird.

Deshalb sollten wir bei der Werbung für das Grundeinkommen weniger auf abstrakte Definitionen, vielmehr auf die Wahrnehmung eigener Erfahrungen und der Bestärkung des eigenen Urteils und Denkens setzen.

Die Idee des Grundeinkommens wird umso stärker werden, je mehr Menschen dieser Idee aufgrund eigner Erfahrungen und aufgrund eigenen Urteils Folgen.

Ich sehe hier die Idee am Anfang eines guten Weges.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas Weber
 
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#88
iovialis (Moderator)
Moderator
Beiträge: 20
graph
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Geschlecht: männlich Projekt Jovialismus Ort: Kiew Geburtstag: 1973-07-07
Aw: Grundeinkommen und Gerechtigkeit vor 1 Jahr, 4 Monaten Karma: 2  
Lieber Thomas Weber,

auch Dir Danke für die interessante Antwort!

Der hier veröffentlichte Text bezieht sich auf die Aussagen von Hans Kelsen. Will man diese zusammenfassen, ist Gerechtigkeit (mit der Voraussetzung, daß es sie gibt) eine Begründung für ein bestimmtes Sein. Kelsen meint nun, daß sich alles irgendwie durch irgendwas begründen läßt, weshalb Gerechtigkeit objektiv verstanden "inhaltslos" sei. Seine Sicht erinnert ein wenig an die Philosophie des Existenzialismus, wo man auch von einem "objektiv sinnfreien Sein/Leben" ausgeht. Kelsen wäre mit der Frage "Ist es gerecht zu sein?" wohl ziemlich genau dabei gelandet. Die Wissenschaftswelt kennt das Problem der "Beweisführung" (siehe hier), um die Gültigkeit von wahren Aussagen zu sichern. Und ich würde sagen, Gerechtigkeit und Wahrheit haben sehr viel miteinander zu tun.

Deinen Vorschlag, nicht nach dem Inhalt der Gerechtigkeit zu fragen, sondern ob etwas durch eine Handlung gerechter wird, finde ich prima. Das heißt nämlich, daß die "inhaltslose Gerechtigkeit" zuerst mit etwas gefüllt wird und dann überprüft wird, ob dieser Inhalt einer "Idee der Gerechtigkeit" entsprechen könnte. Und wie Du schreibst, bezieht sich die "Idee der Gerechtigkeit" aus unserer Erfahrung.

Kelsen wollte allerdings eine strickte Trennung der Seinswelt (unserer Erfahrung) und der Sollenswelt (Gerechtigkeit). Diese Auffassung hängt mit dem Sein-Sollens-Problem zusammen, das im Text genannt ist. Mir gefällt dieses "Problem" nicht, da das Sein immer Ausgangspunkt für das Sollen ist (und sei es, daß das "Gesollte" anders ist, als das "Sein" ). Ich meine damit: Der Ist-Zustand darf sein (ist entsprechend "gerechtfertigt" durch seine Vorgeschichte), aber der Soll-Zustand beschreibt, ob dieser Ist-Zustand weiterhin bleiben darf oder anders sein soll. Richtig dabei ist, daß man aus dem bestehenden Ist-Zustand und dem "Änderungswunsch" nicht darauf schließen kann, ob der "gewünschte Ist-Zustand" tatsächlich eintrifft (Bsp: Es regnet und es soll aufhören). Das hängt aber davon ab, ob der "Wunschempfänger" im Ist-Zustand den Soll-Zustand begreift und diesen selbst wünscht, um daran mitzuwirken, ihn umzusetzen (Bsp. Es regnet, es soll aufhören, also benötigt man z.B. ein Dach). Entsprechend würde ich das Sein-Sollens-Problem als "Wunschkausalitätsproblem" bezeichnen.

Leider steht die Option "Grundeinkommen" gar nicht zur gesellschaftspolitischen Diskussion, sondern wird nur von ein paar "Idealisten" vorgeschlagen. Das macht die Bedingungen für eine realpolitische Umsetzung schwierig, da neben anderen Optionen (Auskommen durch Arbeit) keine weiteren zugelassen werden. Und fragt man einen Arbeitslosen, ob er lieber ein monatliches Gehalt (Grundeinkommen) wolle oder lieber eine Arbeitsstelle, bekommt man oftmals die Option "Arbeit" als Antwort. Diese füllt das eigene Leben mit Sinn, wie die Gerechtigkeit erst durch Handeln einen Inhalt bekommt.

Ist das gerecht? Das vielleicht nicht, aber es ist plausibel...

Viele Grüße aus Kiew,

Jörg (Drescher)
Projekt Jovialismus
 
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#89
Thomas (Benutzer)
Fresh Boarder
Beiträge: 5
graphgraph
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Aw: Grundeinkommen und Gerechtigkeit vor 1 Jahr, 4 Monaten Karma: 0  
ThomasWeber schrieb:
QUOTE:

Die Idee des Grundeinkommens wird umso stärker werden, je mehr Menschen dieser Idee aufgrund eigner Erfahrungen und aufgrund eigenen Urteils Folgen.

Ich sehe hier die Idee am Anfang eines guten Weges.


Hallo

Ergänzen möchte ich diese Aussagen durch die Bemerkung, dass die Idee des bGE eine Tür zu einer anderen Gesellschaft aufstößt, die den einzelnen Bürger als Entscheider und Bestimmer von Vorgängen und Aufgaben erlebt und eben nicht mehr als Opfer fremder, anonymer Vorgänge. Dabei wird er bestärkt von genau den Erfahrungen der eigenen Existenz.
Herzens-, Seelen-, Geistesbildung brauchen wir. Und wenn wir Menschen scheitern, fangen wir wieder von vorne an.

Mit Grüßen
Thomas
 
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Letzte Änderung: 31.12.2010 11:39 von Thomas.
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