In diesem Thema wird dieser Beitrag diskutiert:
Grundeinkommen und Gerechtigkeit
Lieber Jörg Drescher,
vielen Dank für Deine anregenden Ausführungen.
Die Suche nach Antworten auf Was ist?-Fragen, also nach Definitionen, nach Abgrenzungen führt – das können wir vom platonischen Sokrates lernen – immer in eine sprachlich/logische Ausweglosigkeit (Aporie), weil sie letztlich darauf gerichtet ist, Unaussprechliches auszusprechen.
In demokratischen Verhältnissen können Antworten auf „Was ist-Fragen“ nur eine sprachlich/argumentative Bedeutung haben, wenn die sprachlich/gedanklichen Voraussetzungen, von denen her die Fragen beantwortet werden, unstrittig, definierbar, d.h. abgrenzbar sind. Das sind sie aber letztlich nicht.
Menschenwürde, Menschenrechte, die Grundlagen unserer Demokratie beziehen freilich Ihre Letztbegründung nicht aus sich selbst heraus „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann (Böckenförde).
Dass die Antworten auf „Was ist? - Fragen“ in der Demokratie nicht direkt weiterhelfen, heißt allerdings nicht, dass es Gerechtigleit nicht gibt. Die Frage, Was ist Gerechtigkeit? läßt sich ja erst wirklich stellen, wenn man annimmt, dass es Gerechtigkeit überhaupt gibt oder geben kann.
Für die politische Gestaltung und den demokratischen Diskurs reicht diese Annahme, dass es Gerechtigkeit gibt, auch wenn wir Gerechtigkeit nicht einfach und konsensual definieren können, völlig aus.
Auf das
Grundeinkommen bezogen würde ich daher politisch eher die Frage stellen? Würde das Grundeinkommen die Welt gerechter werden lassen?
Die Antwort „Ja“ ist mir da aus meinen Erfahrungen und aus dem, was ich bisher über die Idee des Grundeinkommen und die Verhältnisse in der Gesellschaft und der Welt weiß, unmittelbar plausibel.
Und die Überlegungen, die mir bekannt sind und die da nahelegen wollen, dass das Grundeinkommen ungerecht ist, scheinen mir dagegen aus meinen Erfahrungen heraus unmittelbar unplausibel.
Für die demokratische Auseinandersetzung ist es nicht wenig, sich auf in Erfahrung –und dafür ist jeder sein eigener Experte -begründete Plausibilität berufen zu können.
In diesem Sinne ist das Grundeinkommen eine Idee, die aufgrund der Erfahrung von immer mehr Menschen plausibel wird.
Deshalb sollten wir bei der Werbung für das Grundeinkommen weniger auf abstrakte Definitionen, vielmehr auf die Wahrnehmung eigener Erfahrungen und der Bestärkung des eigenen Urteils und Denkens setzen.
Die Idee des Grundeinkommens wird umso stärker werden, je mehr Menschen dieser Idee aufgrund eigner Erfahrungen und aufgrund eigenen Urteils Folgen.
Ich sehe hier die Idee am Anfang eines guten Weges.
Mit freundlichen Grüßen
Thomas Weber