Nazip Khamitov ist Doktor
der Philosophie, Schriftsteller, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter des
philosophischen Instituts (Kiew, Ukraine), Gründer der Meta-Anthropologie –
Lernen über das alltägliche, höchste und darüber gehende Dasein des Menschen. Autor
von mehr als 20 Büchern, darunter die Bekanntesten: „Philosophie: Sein, Mensch
und Welt“, „Einsamkeit von Frauen und Männern“, „Aphorismen der Kraft“, „Ethik:
Weg zur Schönheit der Einstellung“ (letztgenanntes zusammen mit Swetlana
Krylova). Am 22.10.2008 wurde er für den Workshop zum Berliner Kongress über die Ausgangssituation der Ukraine von Jörg Drescher befragt. Hier seine Antworten (übersetzt von Jörg Drescher):
Frage: Glauben Sie, dass ein Grundeinkommen, wie es z.B. in Deutschland diskutiert wird, eine Option für die Ukraine darstellt? Glauben Sie, dass die Ukraine „reif“ für diese Idee ist?
Nazip Khamitov: Ein Grundeinkommen befreit die Persönlichkeit in jedem Land der Erde, einschließlich der Ukraine. Es ist etwas anderes, weil unreifen Persönlichkeiten durch ein Grundeinkommen die Freiheit genommen wird.
Frage: Wie verstehen Sie die Idee eines Grundeinkommens?
Nazip Khamitov: Ein Grundeinkommen ist die Möglichkeit für jedes Mitglied einer Gesellschaft, ihm die Angst und Sorge vor möglichem Elend zu nehmen. Es befreit den Menschen, gibt ihm Selbstvertrauen und trägt deshalb zur schöpferischen Entwicklung der Persönlichkeit bei. Gleichzeitig befreit es den Menschen von der Abhängigkeit des freien Arbeitgebers. Und der freie Arbeitgeber wird sowohl von Konkurrenten, als auch von Konsumenten unabhängiger, die Ergebnis seiner Tätigkeit sind. Ein Grundeinkommen weicht einerseits die Einstellung zur Welt, sowie zu Rohstoffen und Gütern auf – und andererseits zu Konkurrenten und Objekten der Manipulation. Ein Grundeinkommen kann ein Katalysator für die Schönheit der Einstellung zwischen den Menschen werden. (Doch für Menschen des täglichen Lebens, die nur für Werte leben, um sich selbst zu erhalten und sich fortzupflanzen, kann ein Grundeinkommen die Schönheit der Einstellung zu sich und der Welt zerstören).
Frage: Gibt es in der Ukraine eine Diskussion über diese Idee?
Nazip Khamitov: Leider gibt es in der Ukraine keine Diskussion über ein Grundeinkommen. Außerdem verstehen wenige, was das überhaupt ist. Aber eine Diskussion darüber hat Potential und man kann mit einer ausreichenden gesellschaftlichen Resonanz rechnen.
Frage: War ein Grundeinkommen in der Sowjetunion Thema? Wenn ja, welche Idee steckte dahinter?
Nazip Khamitov: Das Thema Grundeinkommen ging in der Sowjetunion mit der Idee des Kommunismus einher – eine Gesellschaft, in der das Prinzip herrscht: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“ Aber schon in den 1970/80ern glaubte kaum jemand in der Sowjetunion an die Umsetzung dieses Prinzips.
Frage: Wie würden Sie die Arbeitsmoral in der Ukraine beschreiben? Welche Auswirkungen hätte Ihrer Meinung nach eine regelmäßige, existenzsichernde Geldzahlung auf die Arbeitsmoral in der Bevölkerung?
Nazip Khamitov: Ich denke, dass in der Ukraine eine Mentalität herrscht, dass die Mehrheit trotz Grundeinkommen arbeiten möchte. Es gibt genügend Gründe, um zu vermuten, dass dies allgemein auf die slawische Mentalität zutrifft.
Frage: Gibt es Unterschiede bei der Arbeitsmoral zwischen der Stadt- und Landbevölkerung? Wie ist diese historisch begründet?
Nazip Khamitov: Die Arbeitsmoral in den Dörfern der Ukraine ist eher individualistisch geprägt, während sie bei Bewohnern von Städten mehr auf Zusammenarbeit gerichtet ist und zur kommunikativen Abstimmung neigt. Über Jahrhunderte hinweg versteckten sich die Menschen in den ukrainischen Dörfern vor den Herrschern und überlebten so. In Städten lebten eher tapfere, leidenschaftlichere und für Kommunikation offene Menschen.
Frage: Wie würden Sie das Gerechtigkeitsverständnis in der Ukraine beschreiben? Ist die Bevölkerung „solidarisch“ und würde sie jedem das gleiche zugestehen?
Nazip Khamitov: Die Idee eines Grundeinkommens stimmt mit dem Gerechtigkeitsverständnis in der Ukraine in Bezug auf arme Menschen überein, die durch die Gesellschaft unterstützt werden sollen. Die Tatsache, dass es in der Ukraine keine offene Aggression zu Reichen gibt, erlaubt zu vermuten, dass die Praxis eines Grundeinkommens für alle nicht abgelehnt wird. Doch müssen Politiker, Schriftsteller, Publizisten und Philosophen ernsthaft Aufklärungsarbeit leisten, um Neid zu neutralisieren.
Frage: Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die Religion bei der Verteilungsgerechtigkeit? Wie unterscheidet sich das orthodoxe Christentum vom katholischen und protestantischen?
Nazip Khamitov: Die Güterverteilung und die Arbeitsmoral ist in einer Gesellschaft direkt mit deren Religion verbunden. Allen Unterschieden des orthodoxen und katholischen Christentums steht der Protestantismus entgegen – Bereicherung (wenn auch eine ehrliche und beabsichtigte Askese) ist in orthodoxen und katholischen Ländern kein eindeutiger Ausdruck von Gottesgaben und von Gott gewünscht.
Frage: Wie stehen Ukrainer zu staatlicher Hilfe? Würden Ukrainer überhaupt Geld vom Staat annehmen oder fühlten sie sich für etwas „gekauft“?
Nazip Khamitov: Ukrainer reagieren auf staatliche Hilfe ironisch – sie ist viel zu gering. Was wird, wenn die staatliche Hilfe angemessener wird, so denke ich nicht, dass sich Ukrainer „gekauft“ fühlen werden. Es ist eine andere Sache, dass alle, die etwas erhalten, verstehen müssen, dass die Hilfe ein Stipendium für die schöpferische Entwicklung der Persönlichkeit ist.
Frage: Glauben Sie, dass die „Steuer-Ehrlichkeit“ der Ukrainer zunehmen würde, wenn der Einzelne eine „Rückvergütung“ vom Staat erhält?
Nazip Khamitov: Ich bin davon überzeugt, dass sich die „Steuer-Ehrlichkeit“ der Ukrainer radikal zum Positiven ändern könnte.
Frage: Welche Auswirkung könnte ein Grundeinkommen, Ihrer Meinung nach, auf die Korruption haben?
Nazip Khamitov: Ein Grundeinkommen sprengt die wirtschaftliche und, was das wichtigste ist, die existenzielle Grundlage von Korruption.
Frage: Wie hoch sollte Ihrer Meinung nach ein Grundeinkommen in der Ukraine sein? Sollte es regionale Unterschiede geben? Sollte das Grundeinkommen an Bedingungen geknüpft sein?
Nazip Khamitov: In der Ukraine sollte ein Grundeinkommen mindestens dem Existenzminimum entsprechen und nicht weniger sein. Es soll nicht von regionalen, sozialen oder wirtschaftlichen Unterschieden abhängen, da es sonst kein Grundeinkommen ist. Mit anderen Worten: Die Staffelung eines Grundeinkommens zerstört das Grundeinkommen. Denn ein Grundeinkommen ist eine symbolische finanzielle Unterstützung, die als Mittel den Sinn hat, Einsamkeit und Entfremdung zu überwinden. Das Grundeinkommen soll Menschen vereinen und nicht trennen, was aber unvermeidlich passieren würde, sobald man damit beginnt, zu unterscheiden.