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Adam und das Grundeinkommen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Jörg Drescher    Bookmark and Share
Montag, 27. 12 2010

Die meisten von uns dürften ihn kennen: Adam, den ersten Menschen aus der Bibel, der aus dem Paradies vertrieben wurde, weil er vom Baum der Erkenntnis aß. Doch wie passt dieser Adam mit dem Grundeinkommen zusammen?

Dieser Aufsatz bezieht sich auf den Vortrag „Adam in der Staatslehre“, der 1893 im historisch-philosophischen Verein zu Heidelberg von Georg Jellinek (1851-1911) gehalten wurde. Obwohl der Text relativ alt ist, beinhaltet er Aussagen, die in Bezug auf die Idee eines Grundeinkommens interessant sind. Doch zuerst ein Überblick des Vortragsinhalts.

Dem eigentlichen Vortragstext stellt Jellinek voran, dass vor allem das Welt- und dazugehörige Menschenbild prägenden Einfluss auf eine Staatsidee hat. Und hierbei spielt eben jener biblische Adam eine wesentliche Rolle, weil er über Jahrhunderte hinweg die Vorstellung unserer Herkunft bildete.

Jellinek beginnt mit Augustinus (354-430): Für Augustinus lag der Ursprung eines göttlichen und irdischen Staats bei Adam. Durch die Sünde Adams sei die Sklaverei geschaffen worden, die erst ende, wenn der irdische Staat aufgelöst würde. Das Ziel der Menschheit sei der Eintritt in den ewigen Sabbat.

Später, so Jellinek, wurde die Lehre von Augustinus durch Gregor VII. (1020-1085) umgedeutet. Dieser meinte, die staatliche Ordnung sei ein Werk des Teufels und die Staatslenker wären reine Verbrecher. Das Imperium basiere nach Gregor auf der durch den Sündenfall verderbten menschlichen Natur.

Doch Jellinek sieht im spätmittelalterlichen Staatsverständnis einen christlichen Wandel aufgrund der Deutung einer Stelle im Lukasevangelium, wodurch ein weltliches und ein göttliches Schwert von Gott eingesetzt wurde, um die Christenheit zu schützen. Zwar sei die Sünde Adams rückläufig, aber immer noch vorhanden.

Die Scholastik bringt Aristoteles ins Spiel und damit einen zweifachen Gesellschaftszustand: Der Staat wird notwendig, weil es sündhafte Menschen gibt. Thomas von Aquin (1225-1274) meinte, dass die Demokratie die Staatsform unter sündlosen Menschen sei, während das Königtum durch die Sünde Adams die Herrschaft eines Einzelnen zur besten Staatsform mache. Die Sklaverei wäre ebenfalls durch die Sünde Adams in die Welt gekommen und damit begründet. Eben jener sündhafte Adam stehe – bei Augustinus und Thomas von Aquin – als der unerbittliche, nicht zu beseitigende Gegner der Emanzipation von Sklaven und Leibeigenen da.

Jellinek führt weiter auf, dass selbst in der Zeit des sinkenden Mittelalters die Schuld Adams weiterhin als Rechtfertigung des Staates bestehen blieb – sowohl bei kirchlichen, als auch weltlichen Vertretern. Marsilius von Padua (um 1275- ca. 1342), ein Vorläufer von Locke und Rousseau, meinte, dass wenn Adam im Zustand der Unschuld geblieben wäre, weder für ihn, noch seine Nachfahren ein Staat notwendig geworden wäre, um der Sünde entgegenzuwirken.

Für Martin Luther (1483-1546) bleibt der Staat eine auf der sündigen Natur des Menschen begründete Ordnung: Würde alle Welt aus echten Christen bestehen, so brauchte sie keinen Fürsten und Herren.

Adam, so Jellinek, blieb auch nachdem Hugo Grotius (1583-1645) das Naturrecht auf eine selbständige Basis stellte, weiterhin Thema, da der Mensch vor und nach dem Sündenfall in Relation zum Naturrecht gesetzt wurde.

Im 17. Jahrhundert finden sich Anspielungen auf den biblischen Adam bei David Mevius (1609-1670) und Samuel Rachel (1628-1691). Orthodoxe Gegnern von Samuel von Pufendorf (1632-1694) warfen dem, wie Jellinek ihn nennt, großen Freiheitsdenker vor, die Natur Adams nicht in richtiger, christlicher Weise zu berücksichtigen.

Für das 18. Jahrhundert nennt Jellinek Christian Thomasius (1655-1728), einen Vorkämpfer der Aufklärung, der sich mit der Frage beschäftigte, ob der Staat bereits im Zustand der Unschuld vorhanden gewesen sei. Er kam zu dem Ergebnis, dass der Staat seinen Zustand dem Sündenfall Adams zu verdanken habe.

Selbst noch im 19. Jahrhundert, als Jellinek lebte, war der Sündenfall Thema. Er verweist auf Julius Stahl (1802-1861), der von der Wissenschaft forderte, Adams Schuld als Grundlage des Staats anzuerkennen, sowie den damit verbundenen göttlichen Fluch, der an die Arbeit geknüpft sei.

Jellinek identifiziert Adam allerdings nicht nur von kirchlicher Seite als Begründung des Staates, sondern auch auf weltlicher Seite. So führte der Holländer Dirk Graswinckel (ca. 1600-1666) die absolute Königsherrschaft auf Adam zurück, was Sir Robert Filmer (1588-1653) übernahm. Filmer meinte, dass Adam nicht nur väterliche, sondern auch königliche Macht von Gott erhielt und somit erhielten seine Nachfolger, die Väter der Völker, das legitime Recht, alles zu beherrschen.

Jellinek bezeichnet Filmers Argumentation selbst als kindisch, und doch stützten sich, wie er aufführt, die Stuarts auf diese. Das führte dazu (was Jellinek als Beispiel sieht, wie Dummheit Bedeutung erlangt, wenn Machtinteressen dahinter stehen), dass sich Algernon Sidney (1623-1683) damit beschäftigte und gegen die Menschheit entwürdigende Theorie der ewigen Sklaverei durch Adam protestierte.

Auch John Locke (1632-1704) trat den Ausführungen Filmers systematisch entgegen und schuf damit ein Werk, das die Entwicklung der modernen Staatsidee stark beeinflusste. So weisen die Ideen von Montesquieu (1689-1755) und Rousseau (1712-1778) Einwirkungen von Locke auf. Jellinek meint, dass es von größter Bedeutung für die Sozialtheorien war, dass Locke im Gegensatz zu der Behauptung von der Herrschaft Adams über die Erde als Entstehungsgrund des Eigentums die neue, so folgenschwere Lehre vertritt, dass nicht Okkupation, sondern Arbeit die letzte Quelle alles Eigentums sei. Locke habe dabei wohl vorgeschwebt, dass die Welt Adam nicht geschenkt worden sei, sondern dass sie ihm im Schweiße des Angesichts und seinen Nachkommen durch stete Arbeit zu eigen gemacht werden musste.

70 Jahre nach Locke spottete Rousseau über das Herrschaftsrecht Adams in seinem Contract Social, ob es sich vielleicht durch Ahnenprobe herausfinden ließe, dass er (Rousseau) ein Nachfahre Adams wäre und somit legitimer Herrscher über die Menschheit...

Jellinek fährt damit fort, dass kurz nach der Reformation das Naturrecht an Bedeutung gewann. Die Rechtslehre verließ nun endgültig den Einfluss der kirchlichen Anschauung und begann verstärkt, humanistische und reformatorische Ansätze einzubeziehen. In einem Schmelztiegel vereinten sich hellenistische Ideen mit denen Ciceros zu einer Rechtsauffassung, die jenseits des irdischen Rechts stehe, welche unabhängig der Offenbarung durch die Vernunft erkannt werden könne. Dieses Recht solle, wie Hugo Grotius meinte, unabhängig von der Existenz Gottes sein.

Die Menschen forderten nunmehr von allen sozialen Mächten eine vernünftige Rechtfertigung für deren Existenz. Wieso kommt der Staat dazu, die Menschen zu fesseln, einzuengen und ihnen Pflichten aufzuerlegen? Wozu überhaupt ein Staat? Darauf sollte das Naturrecht eine Antwort geben.

Und die Antworten bezogen sich auf einen Naturzustand des Menschen, einen ursprünglichen Gesellschaftszustand. Die einen meinten, im Urzustand herrschte Glückseligkeit; die anderen sahen darin Zwietracht und Streit. Nicht kontrollierbare Triebe führten den Menschen aus dem Naturzustand in einen staatlichen. Und dieser staatliche Zustand gründet auf einem Vertrag, der je nach Autor unterschiedlich formuliert wurde.

Seit Locke, so Jellinek, läuft der Naturzustand in der Regel auf die angeborene Freiheit des Einzelnen hinaus, wobei der Staat sie vor Eingriffen anderer schützt. Cesare Beccaria (1738-1794) beschrieb es so, dass die Menschen einen Teil ihrer Freiheit deshalb aufgeben, um den Rest umso ungestörter genießen zu können.

Jellinek sieht hier einen Widerspruch zwischen der naturrechtlichen Staatsidee und der antiken, hellenistischen. In der naturrechtlichen Idee ist der Staat atomistisch aufgebaut, deren Individuen nicht mehr natürlich, sondern rein juristisch verbunden sind. Platon und Aristoteles sahen den Menschen hingegen um des sittlichen Ganzen willen. Der Staat ist früher da als das Individuum, zitiert Jellinek Aristoteles, was besagt, dass der Einzelne nur aus der Idee des Ganzen heraus begriffen werden kann. Wer außerhalb des Staates lebt, ist entweder ein Gott oder ein Tier.

Der Unterschied wird von Jellinek in folgender Antithese ausgedrückt: Im Altertum sei der Mensch um des Staates willen da gewesen, in der neueren Zeit sei der Staat des Menschen wegen da. Die Grund- und Freiheitsrechte des Einzelnen sind nach Jellinek wesentlich auf die naturrechtlichen Forderungen zurückzuführen, die es für unzulässig erklären, dass der Einzelne seine ganze angeborene Freiheit dem Staat opfere. Doch das Naturrecht ging weiter, denn der Staat bekam noch Schutzfunktion: Alle staatlichen Institutionen sollen den einzigen Zweck haben, den Bürgern Leben, Freiheit und Eigentum zu garantieren. Jellinek bemängelt, dass somit die Idee des Vaterlandes verloren geht und der blanke Individualismus an dessen Stelle tritt. Ferdinand Lassalle (1825–1864) nannte diese Staatsidee spöttisch Nachtwächterstaat.

Wie kam es aber zum Wandel der antiken Staatsauffassung hin zu einer individualistischen?

Jellinek merkt an, dass sich jeder historische Wandel nie aus einem einzigen Grund vollzieht, sondern dass mehrere Ursachen eine Rolle spielen. Doch unter all diesen Gründen ist auch der biblische Adam: Der einzelne Mensch ist der unverrückbare Ausgangspunkt der naturrechtlichen Betrachtung und damit ist – rechtlich und ökonomisch – das Resultat bestimmt, dass der Staat eine Institution zur Befriedigung rein individueller Zwecke sei.

Rousseau geht, nach Jellinek unverkennbar, vom biblischen Paradies als Urzustand aus – von einem guten und edlen, von der Zivilisation unverdorbenen Urmenschen. Eben jener Adam im Zustande seiner Unschuld.

Hobbes hingegen sah den Menschen als wilde, selbstsüchtige Bestie – jenen Adam im Zustand seiner Verderbtheit. Doch, so Jellinek, wer glaubt, Hobbes habe als erster diesen Menschen beschrieben, irrt. Das ganze Mittelalter kannte diese Art Mensch. So findet sich eine Beschreibung im „Rosenroman“ aus dem 14. Jahrhundert: Eine glückselige Urzeit der Menschen, die dem Staate vorausging und in der völlige Freiheit und Gleichheit herrschte, ohne Eigentum und daher ohne Streit und Furcht. Doch dann wurde das Gold entdeckt und somit die bösen Laster der Menschen entfesselt. Aus der sündigen Gier nach Besitz entstand ein Krieg aller gegen alle – so, wie Hobbes ihn beschrieb. Die Gesellschaft sah sich genötigt, einen allgemein anerkannten Hüter des Eigentums und Beschützer der Schwachen einzurichten.

Jellinek wendet ein, dass selbst im klassischen Altertum der Mythos eines goldenen Zeitalters vorhanden war. Aber die Hellenen gingen nie von einem einzelnen Individuum aus. Ihre Götterwelt war staatlich und monarchisch organisiert. Das Individuum war von Anfang an ein Glied eines höheren Ganzen.

Durch den Naturzustand und das Naturrecht wurde das Individuum zum souveränen Richter darüber, ob eine Staatsordnung seinen unveräußerlichen Rechten entspricht oder nicht und somit eine Existenzberechtigung hat.

Doch bei aller Kritik am Naturrecht gesteht Jellinek ein, dass im Verlauf der Menschheitsgeschichte eine immer größere individuelle Freiheit entstand. Ursprünglich war der Verband alles und das Individuum nichts. Ein selbstberechtigtes Individuum ist überall erst das Produkt einer höheren Kultur geworden.

Der Mensch wurde vom Bürger getrennt, was in der Antike undenkbar war. Heute, wie zu Jellineks Zeiten, gibt es eine Privatsphäre, die nur dem Individuum eigen ist: Es gibt einen Bereich geistiger und sittlicher Betätigung des Menschen, vor denen der Staat Halt machen muss, die er anerkennt und respektiert. Unser religiöses und künstlerisches Empfinden, unser wissenschaftliches Forschen, unser wirtschaftliches Schaffen und Ringen, unser Familienleben werden vom Staat geschützt, aber nicht inhaltlich bestimmt. Ein bedingungsloses Aufgeben der Individualität an den Staat entspricht ebenso wenig unserem vertieften sittlichen Bewusstsein, wie die völlige Degradierung des Staates zu rein individuellen Zwecken.

Jellinek schließt deshalb seinen Vortrag mit einem Dank an den Stammvater unseres Geschlechts.

Aber zurück zum Grundeinkommen und was sich heute aus dem vor mehr als 100 Jahren gehaltenen Vortrag ergibt:

Der biblische Adam wird in dem Streifzug durch die historischen Bezüge als Mensch vor und nach dem Sündenfall vorgestellt, was einer Zeit im und einer Zeit nach dem Paradies entspricht. Allerdings besteht die Frage, ob alle Menschen gleichzeitig im Paradies oder außerhalb leben müssen. Vor allem der sündige Adam, der außerhalb des Paradieses lebt, scheint dabei zu wünschen, dass die anderen Menschen ebenfalls in seiner „Hölle“ zu bleiben haben. So jedenfalls können die Stellen über Adam verstanden werden, die ihn als Ursache der Sklaverei und Arbeit, Gegner der Emanzipation oder Begründung des Staates bezeichnen.

Im Gegensatz dazu scheint der „paradiesische Adam“ den schuldigen Adam zu kennen und sich deshalb für einen Freiraum einzusetzen, wo beide bestehen können. Doch offenbar war der „schuldige Adam“ listig genug, um einen Weg zu finden, seinem Alter Ego das Paradies trotzdem streitig zu machen. Als Jellinek auf den Bezug des Adams in der Staatslehre einging, befand sich dieser Adam längst auf dem Weg in die Ökonomie.

Fortsetzung folgt...

Verwendete Literatur: Adam in der Staatslehre, Georg Jellinek, 1893

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