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Argumente gegen ein Grundeinkommen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Jörg Drescher    Bookmark and Share
Dienstag, 25. 05 2010

Es wird immer wieder aus den Reihen der Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens nach „guten Argumenten“ gegen diese Idee gefragt. Dieser Aufsatz soll diesem Wunsch gerecht werden. Die ersten drei Argumente beziehen sich dabei eher auf die Bedingungslosigkeit, als gegen das Grundeinkommen selbst:

  1. Will man ein Grundeinkommen wirklich komplett ohne jegliche Bedingungen ausbezahlen, hieße das, dass jemand heute sein Grundeinkommen abholen kann, dann morgen noch einmal und übermorgen wieder. Die erste Bedingung ist entsprechend, ob jemand schon seine Zahlung erhalten hat oder nicht.

  2. Hat man diese Hürde genommen und geprüft, ob die Zahlung schon erfolgt ist, bleibt offen, wem denn ein Grundeinkommen bezahlt werden soll. Wer es am reinen Menschsein festmachen will, muss damit rechnen, dass gewisse Menschen (in deren Ländern es kein Grundeinkommen gibt) alles daran setzen werden, um sich dort in die Schlange einzureihen, wo es „Geld umsonst“ gibt und dass diese Leute auch in der Nähe des Auszahlungsort bleiben werden. Eine weitere Bedingung hängt also mit der „Gemeinschaftszugehörigkeit“ zusammen.

  3. Ist geklärt, ob die entsprechende Person zu der „auszahlungsberechtigten Gemeinschaft“ gehört, besteht die Frage, wo sich diese Person befindet. Ist sie überhaupt in dem Land, wo das Grundeinkommen gewährt wird? Oder setzt sich die Person irgendwohin ab, wo man mit dem Geld „wie die Made im Speck“ leben könnte, obwohl es im eigenen Land gerade mal für ein „sozial-existenzsicherndes Leben“ reicht? Die dritte Bedingung bezieht sich auf den Aufenthaltsort.

Nun kann man dem Autor dieses Aufsatzes vorwerfen, dass diese drei Argumente in erster Linie praktischer Natur seien und nichts mit der Grundidee des bedingungslosen Grundeinkommen zu tun haben. Denn die Bedingungslosigkeit wird an anderen Kriterien festgemacht, die sich nicht auf Zeit und Raum beziehen, sondern auf den Aspekt der Gegenleistung. Man garantiert jedem durch die Zahlung die Möglichkeit, davon zum Leben notwendige Dinge kaufen zu können – ohne zu prüfen, ob die Person das Geld benötigt, was sie damit macht und ob sie dafür einen Beitrag an die Gemeinschaft leistet, von der sie dieses Geld erhält. Leben (und der dafür notwendige Konsum) wird als zugrundeliegender „Arbeitsbegriff“ für das „Einkommen“ gesehen. Das Leben rechtfertigt den Anspruch und für diese „Grundtätigkeit“ wird Geld bezahlt. Gelöst sind oben genannte Probleme damit nicht, sondern nur ausgeklammert...

Das „klassische Gegenargument“, wer denn dann noch arbeiten würde, hängt mit dem Verständnis von „Arbeit“ zusammen. Soweit ist das nachvollziehbar. Der Zweifel an der Motivation lässt sich allerdings noch auf die Bildung erweitern: Wer würde denn dann noch nach Wissen streben, wenn lebenslang für sein Auskommen gesorgt wäre?

Auch hier kann man dem Autor vorhalten, dass er am heutigen Denken festklebt, wo alles seinen „Gegenwert“ haben muss. Der Kausalzusammenhang: „Arbeit – Geld“ wird nur auf „Ausbildung – Arbeit – Geld“ erweitert oder kurz gesagt: „Was habe ich denn davon, wenn ich etwas arbeite/lerne?“

Befürworter werden entgegnen, dass das Grundeinkommen nur ein Sockel sei und man durch zusätzliche Arbeit (für die häufig Bildung notwendig ist) auch zusätzlich Einkommen erzielt werden kann. So gesehen spekulieren die Befürworter damit, dass dem Menschen ein Streben nach „mehr“ innewohnt, was ihn dazu motiviert, Dinge zu tun, die ihm ein „Mehr“ bringen. Das Grundeinkommen würde ihm ja nur ermöglichen, dieses „Streben“ zu vereinfachen, indem ihm dieses „Mehr“ ohne Abzüge (für das Lebensnotwendige) bleibt. Somit behielte die „monetäre Motivation“ ihre Wirkung, mit dem Unterschied, dass diese Motivationsform nicht als „Zwang“ missbraucht werden könne, um Menschen zu Dingen zu „motivieren“, die sie sonst nicht machen würden.

Damit wären wir bei Gegenargument 6: Wenn all jene Dinge, die heute nur aufgrund dem „Einkommenszwang“ getan werden – und zwar für wenig Geld (z.B. Putzarbeiten) –, hieße das, dass man sie „monetär attraktiver“ gestalten müsste, damit sie überhaupt getan werden. Das würde bedeuten: Für all diese „minderqualifizierten Arbeiten“ müssten sehr viel bezahlt werden, damit sie überhaupt noch jemand macht. Umgekehrt würden „hochqualifizierte Arbeiten“ an Wert verlieren, da sie von vielen getan werden wollten. Und damit steht wieder die Frage im Raum, weshalb man etwas lernen sollte, wenn man für „minderqualifizierte Arbeiten“ enorm viel Geld bekommen kann?

Befürworter eines Grundeinkommens können dem Autor nun ein Menschenbild unterstellen, das dem des „Homo Ökonomicus“ entspricht – dem rein wirtschaftlich kalkulierendem Menschen. Doch dieses Menschenbild sei nur ein theoretisches Konstrukt der Wirtschaftswissenschaft, das mit dem realen Menschen wenig gemein hat. In diesem Fall sollen sich die Befürworter einmal fragen, ob sie einen Managerjob mit 14h/Tag für 1000 Euro „Zuverdienst“ annehmen würden, wofür sie einige Jahre an der Uni studiert haben müssen – oder ob sie nicht doch lieber den Job als Putzfrau mit 4h/Tag und 5000 Euro vorziehen würden.

Damit kommen wir zu Gegenargument 7: Die Verzerrung der Arbeitsbezahlung hat aufgrund der Wertschöpfung Auswirkung auf die Preise. Entsprechend ist nicht abzusehen, wie viel dann 1000 Euro Grundeinkommen überhaupt „Wert“ haben würden. Hierbei spielt vor allem die Definition der Grundeinkommensgemeinschaft eine wesentliche Rolle, die (zumindest in Deutschland) eine „existenzsichernde und soziale Teilhabe ermöglichende Höhe des Grundeinkommens“ vorsieht.

Wenn wir schon über Arbeitsplätze sprechen, müssen sich die Befürworter gefallen lassen, dass ein Grundeinkommen Arbeitsplätze vernichten wird. Die heutige Bürokratie (hauptsächlich zur Verwaltung der Bedürftigkeit) würde auf ein Minimum reduziert. Mit einem einfacheren Steuersystem stünden Millionen Steuerberater, Fachanwälte und Verwaltungsangestellte auf der Straße – immerhin sozial abgesichert durch ein Grundeinkommen. Nun können die Befürworter argumentieren, dass eben diese Leute nach einer gewissen Zeit darum betteln würden, wieder etwas „leisten“ zu dürfen und in die Jobs von Putzfrauen flüchten, nur, um ihrem sonst so tristen Dasein einen gewissen Sinn geben zu können. Hebt dann Argument 8 die Argumente 7 und 6 auf und damit auch Argument 5 und 4? Im Prinzip nur dann, wenn man voraussetzt, dass die Leute wirklich um „Arbeit“ betteln würden, statt sich selbst zu beschäftigen.

Was macht der Mensch allerdings mit sehr viel Freizeit? Kommt da nicht der Gedanke an Fortpflanzung? Gibt die eigene Reproduktion nicht dem Leben einen gewissen Sinn? Ermöglicht nicht gerade das Grundeinkommen – durch die finanzielle Absicherung –, Kinder in die Welt zu setzen? Wären da nicht schon 7 Milliarden Menschen auf dem Planeten, könnte man über diese Form von „Freizeitgestaltung“ hinwegsehen... Doch lassen wir es als Argument 9 gegen das Grundeinkommen einfach im Raum stehen.

Nur einmal angenommen, um den Gegenargumente 1-3 zu entkommen, dass weltweit ein Grundeinkommen eingeführt würde und alle Menschen über Kaufkraft verfügen würden, ist zu überlegen, ob unser schöner Planet, der schon jetzt mit Klimawandel und Umweltverschmutzung zu kämpfen hat, nicht kläglich durch das Mehr an zusätzlichem Konsum völlig zusammenklappen würde. Wenn Milliarden Chinesen und Inder plötzlich die Möglichkeit erhalten, auf das gleiche Niveau zu kommen, wie die Menschen in Westeuropa oder den USA, wäre das bestimmt ein enormer Wirtschaftsaufschwung – einerseits; andererseits ist zu überlegen, ob die Ressourcen für die Billionen Handys, Computer und Autos reichen – ganz zu schweigen von der dafür benötigten Energie.

Lässt man die Argumente 4-9 einmal weg und begibt sich in das Abenteuer Grundeinkommen, indem man durch Regelungen für Gegenargument 1-3 das Grundeinkommen einführbar macht, hat man eine Form von Nationalstaat, um dem Problem 10 zu entgehen. Doch Nationalstaatlichkeit führt zu Missgunst und Neid zwischen Völkern, was bisher ungesunder Nährboden für Kriege war.

Heißt das letztendlich, dass das Grundeinkommen wirklich nur eine Utopie ist, die nur in weiter Ferne einmal wahr werden kann – dann, wenn sich die Menschheit so stark dezimiert haben wird und wir uns klar werden, dass wir eigentlich gar kein Grundeinkommen mehr benötigen, um uns „monetär“ einzuschränken? Dann, wenn wir uns mit einem „nichtmonetären Grundeinkommen“ zufrieden geben, das wir eigentlich schon immer hätten haben können...

Der Autor dieses Aufsatzes ist der Meinung, dass die Einführung eines Grundeinkommens ohne begleitende Maßnahmen auch nicht die Gefahren mindert, die derzeit für die Menschheit bestehen. Doch erscheint es dem Autor, dass solche Maßnahmen leichter und einfacher mit einem Grundeinkommen möglich sind, obwohl er sich den hier angesprochenen Argumenten und Problemen durch ein Grundeinkommen bewusst ist. Es gilt sie – bei aller Liebe zur Idee – zu bedenken.

  

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