Seit Monaten berichten uns die Medien über eine Krise, die vor niemandem halt macht. Seit vielen Jahren wurde – zumindest in Insiderkreisen – davor gewarnt, dass es zu einer solchen Krise kommen wird. Nun steht sie vor der Tür. Geht man nach den Medien, ist sie mancherorts schon eingetreten. Doch was ist das für eine Krise? Betrifft sie wirklich nur die Finanz- und Wirtschaftswelt?
Das Wort Krise bezeichnet im Allgemeinen die Zuspitzung einer
Situation, der ein schwieriger Wendepunkt folgt. Sie ist von
Unsicherheiten geprägt, die alte Kausalitäten in Frage stellt. Gemeint
ist ein starkes Kausalitätsprinzip: Diese Handlung führt zu jener
Wirkung.
Die Auflösung der Gültigkeit von Kausalitäten macht uns dabei Angst,
was wir als negativ empfinden. Egal welche Entscheidung auch getroffen
wird, es lässt sich nicht mehr vorhersehen, was sich daraus ergibt. Die
Situation ist unberechenbar. Die gewohnte Kontrolle – und Macht –
gleitet uns aus den Händen.
Dabei ist nicht nur die Finanz- und Wirtschaftswelt betroffen. Vor
Jahren wurde gleichfalls vorhergesagt, dass sich auch die modernen
Demokratien einem Wandel unterziehen werden. Demokratie wurde bisher
als Mechanismus verstanden, Macht in der Form zu organisieren, dass es
Regierende und Regierte gibt. Bekamen früher Fürsten, Könige und Kaiser
ihre Macht vererbt, werden heute Parlamente und Präsidenten mittels
Mehrheitsverfahren gewählt. Führende Experten sprechen sich allerdings
seit längerem für eine demokratische Frage als Projekt des 21.
Jahrhunderts aus.
Doch statt sich diesen Fragen zu widmen, fordert die Politik immer mehr
gesetzliche Einschränkungen, stärkere Überwachungen und größere
Repressionen – mitunter gegen das eigene Volk. Vorratsdatenspeicherung,
elektronisch lesbare Kfz-Kennzeichen, Video-Überwachung, biometrische
Ausweise, heimliche Online-Durchsuchungen bis hin zum Einsatz des
Militärs sind geplant oder schon realisiert. Die Angst vor Macht- und
Kontrollverlust hat einschneidende Auswirkungen auf uns alle.
Heute haben wir eigentlich nur die Wahl, welche Menschen solche
Entscheidungen treffen. Die wenigsten sind am Entscheidungsprozess
direkt beteiligt. Damit wird jedoch das kreative Potential der
Bevölkerung vernachlässigt, um Lösungen für die unterschiedlichen
Krisen zu finden. Zusätzlich werden viele Menschen abgelenkt, indem sie
sich um ihr Einkommen kümmern müssen, damit sie in unserer monetär
geprägten Gesellschaft überleben können.
Wenn wir die Finanz- und Wirtschaftskrise nachhaltig lösen wollen, muss
sich auch etwas an unserem Verständnis der Demokratie ändern. Dabei
ruft jede Krise nach einer Neudefinition des betroffenen Ziels, das
nicht mehr auf bewährtem Weg erreicht werden kann und die eigentliche
Krise darstellt.
Wenn wir uns über die bisherigen Ziele klar sind, können wir sie bei
Bedarf neu ausrichten. Damit bekommen wir die Möglichkeit, nach Wegen
zu suchen, wie diese Ziele erreichbar sind. Bisher schien uns alles
viel zu selbstverständlich. Und diese Selbstverständlichkeit ist jetzt
durch die Krise in Frage gestellt.
Sind wir uns allerdings darüber bewusst, welche Ziele wir bisher verfolgten?
Zum Beispiel dienen Finanzen mittels Geld als Maßeinheit für Werte. Und
was sich in Zahlen messen lässt, ist berechen-, steuer- und absehbar –
kurz: determiniert.
Sammelte und verwaltete man früher nur Zahlen, um sich einen Überblick
des erreichten Erfolgs zu verschaffen, ändert sich der Fokus immer
stärker dahingehend, dass die Ergebnisse der Vergangenheit
interpretiert und als Entscheidungsgrundlage für die Zukunft benutzt
werden. Sie dienen heute oftmals als Filter für visionäre
Entscheidungen.
So konstruierte sich eine neue Kausalität: Der Freiheitsgrad erhöht
sich proportional zur Geldmenge. Die dem Geld innewohnende Idee, eine
Grenze für die beschränkt verfügbaren Ressourcen zu schaffen, führte
allerdings dazu, unbeschränkt Geld anzuhäufen, um diese Grenze zu
umgehen.
Wie effektiv die genannte Kausalität funktioniert, zeigt die heutige
Warenfülle. Von einem Warenmangel kann eigentlich keine Rede sein. Die
Krise ist vielmehr darin zu sehen, dass der Markt gesättigt und damit
eine weitere Geldanhäufung in immer weniger Bereichen möglich ist.
Gleichzeitig verfügen immer weniger Menschen über ausreichende
finanzielle Ressourcen und haben kaum Chancen, an Geld zu kommen.
Eine Vielzahl unserer gewählten und zur Wahl stehenden Volksvertreter
glaubt allerdings weiter daran, dass wir in einer Welt leben, die von
Mangel geprägt ist. Sie wollen deshalb eine weitere Kausalität
aufrechterhalten: Einkommen soll an die monetäre Wertschöpfung
gekoppelt bleiben. Wachstum ist in ihren Augen Garant für
Erwerbsarbeitsplätze und damit für Wohlstand.
Wohlstand drückt sich allerdings nicht in Geldeinheiten, sondern im
Wohlbefinden der Bevölkerung aus. Dieses Gefühl entzieht sich aber der
Messbarkeit.
Was kann die Politik tun und welche Alternativen gibt es?
Die Politik kann weder Arbeitsplätze, noch Wohlstand schaffen. Sie ist
nur begrenzt in der Lage, dafür Rahmenbedingungen festzulegen.
Ludwig Ehrhard gilt mit seiner Sozialen Marktwirtschaft für viele
Menschen und Staaten als Vorbild. Sie garantierte – zumindest nach dem
Krieg bis in die 1970er Jahre der Bundesrepublik – Wohlstand für alle.
Der Kerngedanke von Ehrhard war, dass Menschen Freiheiten benötigen, um
daraus das Beste zu machen.
Entsprechende Gedanken finden sich heute bei der Idee eines
bedingungslosen Grundeinkommens wieder, die eine Entkopplung von
Auskommen und monetärer Wertschöpfung fordert. Jedem soll der Einstieg
und Aufstieg möglich sein; alle sollen sich entsprechend ihren
individuellen Fähigkeiten und Neigungen entwickeln können.
Bisher entschieden die gewählten Volksvertreter alleinig darüber, wie
dieses Ziel erreicht werden soll. Dabei wissen die Bürger selbst, was
sie sich unter ihrem Wohlbefinden vorstellen und wie sie es erreichen
wollen.
Um die Wünsche der Bürger zu erfassen, ist ein staatliches
Vorschlagswesen und Ideenmanagement denkbar. Die Wirtschaft nutzt diese
Methode seit vielen Jahren, um Prozesse zu optimieren. Damit die
Vorschlagsflut verarbeitet wird, können Empfehlungen durch Bürgerforen
in Gutachten für Politiker ausgearbeitet werden und als
Entscheidungshilfe dienen.
Die Kreativität in der Bevölkerung wird somit genutzt. Um dieses
Potential zu aktivieren, bedarf es allerdings mündiger Bürger und eines
emanzipatorischen Sozialstaats. Gemeint ist, dass der Einzelne durch
die Gemeinschaft vorbereitet wird, mit den Freiheiten umzugehen, die
ihm von der Gesellschaft gewährt werden. Dazu zählt zum Beispiel auch
das erwähnte Grundeinkommen.
Während die Krise der Finanz- und Wirtschaftswelt bewusst macht, dass
es Grenzen des Wachstums gibt, prophezeien andere Wissenschaftler
Klimaänderungen, die durch das ungestüme Wirtschaften der vergangenen
Jahre ausgelöst werden. Selbst wenn wir diese jetzige Krise überwinden,
steuern wir auf neue Krisen zu.
Die bisherigen Mechanismen unserer Demokratie, die das Lösungs- und
Warnpotential unserer Gesellschaft vernachlässigen, führten mitunter zu
der jetzigen Situation. Entscheidungsträger setzen sich im Wesentlichen
mit der Symptombehandlung auseinander, ohne die eigentlichen Ursachen
der Krise anzugehen.
Im Prinzip lässt uns die bestehende Krise eigentlich nur die Wahl, wie
stark wir von kommenden Krisen betroffen sein wollen und welche
Möglichkeiten wir dann haben werden, darauf angemessen zu reagieren.
Der hier skizzierte Ansatz wäre eine neue, joviale Gesellschaftsordnung.
Dieser Artikel war einer von 870 Texten, die bei "Die Zeit" für einen Essay-Wettbewerb eingereicht wurden.
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