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Welche Wahl lässt uns die Krise? PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Jörg Drescher    Bookmark and Share
Donnerstag, 24. 09 2009

Seit Monaten berichten uns die Medien über eine Krise, die vor niemandem halt macht. Seit vielen Jahren wurde – zumindest in Insiderkreisen – davor gewarnt, dass es zu einer solchen Krise kommen wird. Nun steht sie vor der Tür. Geht man nach den Medien, ist sie mancherorts schon eingetreten. Doch was ist das für eine Krise? Betrifft sie wirklich nur die Finanz- und Wirtschaftswelt?

Das Wort Krise bezeichnet im Allgemeinen die Zuspitzung einer Situation, der ein schwieriger Wendepunkt folgt. Sie ist von Unsicherheiten geprägt, die alte Kausalitäten in Frage stellt. Gemeint ist ein starkes Kausalitätsprinzip: Diese Handlung führt zu jener Wirkung.

Die Auflösung der Gültigkeit von Kausalitäten macht uns dabei Angst, was wir als negativ empfinden. Egal welche Entscheidung auch getroffen wird, es lässt sich nicht mehr vorhersehen, was sich daraus ergibt. Die Situation ist unberechenbar. Die gewohnte Kontrolle – und Macht – gleitet uns aus den Händen.

Dabei ist nicht nur die Finanz- und Wirtschaftswelt betroffen. Vor Jahren wurde gleichfalls vorhergesagt, dass sich auch die modernen Demokratien einem Wandel unterziehen werden. Demokratie wurde bisher als Mechanismus verstanden, Macht in der Form zu organisieren, dass es Regierende und Regierte gibt. Bekamen früher Fürsten, Könige und Kaiser ihre Macht vererbt, werden heute Parlamente und Präsidenten mittels Mehrheitsverfahren gewählt. Führende Experten sprechen sich allerdings seit längerem für eine demokratische Frage als Projekt des 21. Jahrhunderts aus.

Doch statt sich diesen Fragen zu widmen, fordert die Politik immer mehr gesetzliche Einschränkungen, stärkere Überwachungen und größere Repressionen – mitunter gegen das eigene Volk. Vorratsdatenspeicherung, elektronisch lesbare Kfz-Kennzeichen, Video-Überwachung, biometrische Ausweise, heimliche Online-Durchsuchungen bis hin zum Einsatz des Militärs sind geplant oder schon realisiert. Die Angst vor Macht- und Kontrollverlust hat einschneidende Auswirkungen auf uns alle.

Heute haben wir eigentlich nur die Wahl, welche Menschen solche Entscheidungen treffen. Die wenigsten sind am Entscheidungsprozess direkt beteiligt. Damit wird jedoch das kreative Potential der Bevölkerung vernachlässigt, um Lösungen für die unterschiedlichen Krisen zu finden. Zusätzlich werden viele Menschen abgelenkt, indem sie sich um ihr Einkommen kümmern müssen, damit sie in unserer monetär geprägten Gesellschaft überleben können.

Wenn wir die Finanz- und Wirtschaftskrise nachhaltig lösen wollen, muss sich auch etwas an unserem Verständnis der Demokratie ändern. Dabei ruft jede Krise nach einer Neudefinition des betroffenen Ziels, das nicht mehr auf bewährtem Weg erreicht werden kann und die eigentliche Krise darstellt.

Wenn wir uns über die bisherigen Ziele klar sind, können wir sie bei Bedarf neu ausrichten. Damit bekommen wir die Möglichkeit, nach Wegen zu suchen, wie diese Ziele erreichbar sind. Bisher schien uns alles viel zu selbstverständlich. Und diese Selbstverständlichkeit ist jetzt durch die Krise in Frage gestellt.

Sind wir uns allerdings darüber bewusst, welche Ziele wir bisher verfolgten?

Zum Beispiel dienen Finanzen mittels Geld als Maßeinheit für Werte. Und was sich in Zahlen messen lässt, ist berechen-, steuer- und absehbar – kurz: determiniert.

Sammelte und verwaltete man früher nur Zahlen, um sich einen Überblick des erreichten Erfolgs zu verschaffen, ändert sich der Fokus immer stärker dahingehend, dass die Ergebnisse der Vergangenheit interpretiert und als Entscheidungsgrundlage für die Zukunft benutzt werden. Sie dienen heute oftmals als Filter für visionäre Entscheidungen.

So konstruierte sich eine neue Kausalität: Der Freiheitsgrad erhöht sich proportional zur Geldmenge. Die dem Geld innewohnende Idee, eine Grenze für die beschränkt verfügbaren Ressourcen zu schaffen, führte allerdings dazu, unbeschränkt Geld anzuhäufen, um diese Grenze zu umgehen.

Wie effektiv die genannte Kausalität funktioniert, zeigt die heutige Warenfülle. Von einem Warenmangel kann eigentlich keine Rede sein. Die Krise ist vielmehr darin zu sehen, dass der Markt gesättigt und damit eine weitere Geldanhäufung in immer weniger Bereichen möglich ist. Gleichzeitig verfügen immer weniger Menschen über ausreichende finanzielle Ressourcen und haben kaum Chancen, an Geld zu kommen.

Eine Vielzahl unserer gewählten und zur Wahl stehenden Volksvertreter glaubt allerdings weiter daran, dass wir in einer Welt leben, die von Mangel geprägt ist. Sie wollen deshalb eine weitere Kausalität aufrechterhalten: Einkommen soll an die monetäre Wertschöpfung gekoppelt bleiben. Wachstum ist in ihren Augen Garant für Erwerbsarbeitsplätze und damit für Wohlstand.

Wohlstand drückt sich allerdings nicht in Geldeinheiten, sondern im Wohlbefinden der Bevölkerung aus. Dieses Gefühl entzieht sich aber der Messbarkeit.

Was kann die Politik tun und welche Alternativen gibt es?

Die Politik kann weder Arbeitsplätze, noch Wohlstand schaffen. Sie ist nur begrenzt in der Lage, dafür Rahmenbedingungen festzulegen.

Ludwig Ehrhard gilt mit seiner Sozialen Marktwirtschaft für viele Menschen und Staaten als Vorbild. Sie garantierte – zumindest nach dem Krieg bis in die 1970er Jahre der Bundesrepublik – Wohlstand für alle. Der Kerngedanke von Ehrhard war, dass Menschen Freiheiten benötigen, um daraus das Beste zu machen.

Entsprechende Gedanken finden sich heute bei der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens wieder, die eine Entkopplung von Auskommen und monetärer Wertschöpfung fordert. Jedem soll der Einstieg und Aufstieg möglich sein; alle sollen sich entsprechend ihren individuellen Fähigkeiten und Neigungen entwickeln können.

Bisher entschieden die gewählten Volksvertreter alleinig darüber, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Dabei wissen die Bürger selbst, was sie sich unter ihrem Wohlbefinden vorstellen und wie sie es erreichen wollen.

Um die Wünsche der Bürger zu erfassen, ist ein staatliches Vorschlagswesen und Ideenmanagement denkbar. Die Wirtschaft nutzt diese Methode seit vielen Jahren, um Prozesse zu optimieren. Damit die Vorschlagsflut verarbeitet wird, können Empfehlungen durch Bürgerforen in Gutachten für Politiker ausgearbeitet werden und als Entscheidungshilfe dienen.

Die Kreativität in der Bevölkerung wird somit genutzt. Um dieses Potential zu aktivieren, bedarf es allerdings mündiger Bürger und eines emanzipatorischen Sozialstaats. Gemeint ist, dass der Einzelne durch die Gemeinschaft vorbereitet wird, mit den Freiheiten umzugehen, die ihm von der Gesellschaft gewährt werden. Dazu zählt zum Beispiel auch das erwähnte Grundeinkommen.

Während die Krise der Finanz- und Wirtschaftswelt bewusst macht, dass es Grenzen des Wachstums gibt, prophezeien andere Wissenschaftler Klimaänderungen, die durch das ungestüme Wirtschaften der vergangenen Jahre ausgelöst werden. Selbst wenn wir diese jetzige Krise überwinden, steuern wir auf neue Krisen zu.

Die bisherigen Mechanismen unserer Demokratie, die das Lösungs- und Warnpotential unserer Gesellschaft vernachlässigen, führten mitunter zu der jetzigen Situation. Entscheidungsträger setzen sich im Wesentlichen mit der Symptombehandlung auseinander, ohne die eigentlichen Ursachen der Krise anzugehen.

Im Prinzip lässt uns die bestehende Krise eigentlich nur die Wahl, wie stark wir von kommenden Krisen betroffen sein wollen und welche Möglichkeiten wir dann haben werden, darauf angemessen zu reagieren. Der hier skizzierte Ansatz wäre eine neue, joviale Gesellschaftsordnung.

Dieser Artikel war einer von 870 Texten, die bei "Die Zeit" für einen Essay-Wettbewerb eingereicht wurden.

 

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