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Nahles: Was ist gute Arbeit? PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Jörg Drescher    Bookmark and Share
Dienstag, 7. 07 2009

Sehr geehrte Frau Nahles,


mein Name ist Jörg Drescher und ich lebe in der Ukraine. Vielen Dank für Ihre Frage zum Thema Arbeit. Leider differenzieren Sie den Arbeitsbegriff nicht, sondern sprechen pauschal von Arbeit, Arbeitsplatz und Bezahlung der Arbeit. Das macht die Beantwortung schwierig, denn ich weiß nicht, was Sie unter „Arbeit“ verstehen.

Wikipedia kennt mehrere Arbeitsbegriffe. Angefangen von der betriebs- und volkswirtschaftlichen Bedeutung, über eine philosophische und sozialwissenschaftliche und noch einige andere.

Betriebswirtschaftlich stellt Arbeit einen Kostenfaktor bei der Produktion dar. Hier von „guter Arbeit“ zu sprechen, erscheint unsinnig, da es für die wenigsten einen „guten Kostenfaktor“ gibt.

Volkswirtschaftlich stellt Arbeit hingegen eine Tätigkeit dar, mit der Einkommen erzielt wird. Arbeit ist auch hier ein Aspekt der Produktion. Durch diese Definition wird aber verkannt, dass in der Volkswirtschaft beispielsweise gemeinnützige Tätigkeiten nicht erfasst werden.

Die Philosophie umschreibt alle Prozesse der bewussten und schöpferischen Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur und Gesellschaft mit dem Begriff „Arbeit“. Sinngeber dieser Prozesse sind die aus freiem Willen selbstbestimmt und eigenverantwortlich handelnden Menschen mit ihren individuellen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Anschauungen im Rahmen der aktuellen Naturgegebenheiten und gesellschaftlichen Arbeitsbedingungen. Das kommt dem Attribut „gut“ schon näher.

Dann wäre da noch die sozialwissenschaftliche Bedeutung. Arbeit ist hierbei eine zielbewusste Form der Tätigkeit, mit der Menschen seit ihrer Menschwerdung in ihrer Umwelt zu überleben versuchen. Dabei ist ihr Charakter zwiespältig: Sie stellt immer sowohl etwas her wie sie auch etwas zerstört. Diese Auffassungen hängen aber vom Betrachter ab – was das Attribut „gut“ subjektiviert.

Historisch bedeutet Arbeit „Mühsal“, „Strapaze“ oder „Not“.

Nun weiß ich nicht, nach welcher Arbeit Sie fragen. Wenn aber „Arbeit“ Mühsal, Strapaze oder Not bedeutet, so wäre „gute Arbeit“, diese Zustände abzuschaffen. Das heißt: „Gute Arbeit wäre eine solche, die sich selbst abschafft.“

Entsprechend wäre „gute Arbeit“, wenn Politiker und Staatsbeamte an einer Gesellschaft arbeiten, die „schlechte Arbeit“ überflüssig macht oder sie zumindest erleichtern. Ingenieure tun das zum Beispiel.

Sie fragten allerdings auch nach einem „guten Arbeitsplatz“. Hier hilft uns weder die Betriebs-, noch die Volkswirtschaft weiter, da diese Wissenschaften das Attribut „gut“ nicht kennen, sondern eher Attribute wie „kostengünstig“ oder „billig“.

Somit ist auch meiner Sicht die philosophische Idee der Arbeit geeignet, einen „guten Arbeitsplatz“ zu beschreiben. Dabei sollte allerdings die sozialwissenschaftliche Idee berücksichtigt werden: Die zerstörerische Wirkung der Arbeit sollte auf ein Minimum reduziert werden. Schließlich dient Arbeit eigentlich der Lebenserhaltung.

Dann bleibt noch offen, wie diese „gute Arbeit“ bezahlt werden soll.

Da jeder Mensch in irgendeiner Form „arbeitet“ – also etwas tut, um sich am Leben zu erhalten –, erscheint ein Bedingungsloses Grundeinkommen sehr vernünftig. Das heißt, jeder bekommt einen Betrag von der Gemeinschaft, um in dieser leben zu können.

Wer allerdings trotz Grundeinkommen meint, er müsse „gute Arbeit“ nur für Gegenleistung machen, dem steht es frei, seine „gute Arbeit“ für Geld zu verkaufen. Das wäre dann ein Hinzuverdienst zum Grundeinkommen.

Heute zwingt die Gesellschaft leider Menschen dazu, dass jeder seine „Arbeit“ verkaufen soll – ob sie nun „gut“ oder „schlecht“ ist. Ein Grundeinkommen würde diese Entscheidung maßgeblich beeinflussen.

Veröffentlicht am 07.07.2009 als Antwort auf Open Reichstag zur Frage von Andrea Nahles: Was ist gute Arbeit - und wie soll sie bezahlt werden?

 
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