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Führerschein fürs Grundeinkommen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Jörg Drescher    Bookmark and Share
Sonntag, 7. 06 2009

Um einmal die rosarote Brille abzusetzen, dass ein Bedingungsloses Grundeinkommen den Menschen automatisch zu einem besseren Menschen macht, weil er sich ohne Zwang selbst frei entfalten könne, sollte bedacht werden, dass es im Straßenverkehr auch Vorbedingungen gibt, um die Bewegungsfreiheit zu nutzen, die ein Fahrzeug mit sich bringt. Die Grundeinkommensbefürworter werden bestimmt nicht wollen, dass jedem einfach ein Führerschein ausgestellt wird, nur weil er Mensch ist, was gleichfalls ein Recht auf Bewegungsfreiheit legitimiert. Jeder wird zustimmen, dass der Straßenverkehr an gewisse Regeln gebunden ist. Beim Grundeinkommen in der Gesellschaft ist es nicht viel anders.

Warum also nicht ein „gesellschaftliches Pflichtjahr“ als Vorbedingung für ein Bedingungsloses Grundeinkommen einführen?

Doch was soll dieses „Pflichtjahr“ enthalten und was ist mit Menschen, die aus den verschiedensten Gründen keine Möglichkeit haben, dieses „abzuleisten.

Wer einen Führerschein gemacht hat, erinnert sich bestimmt daran, dass man dafür einen Erste-Hilfe-Kurs brauchte. Die wenigsten werden allerdings noch wissen, was sie bei diesem Kurs gelernt haben. Vielmehr erschien es ein „notwendiges Übel“ zu sein, um den Führerschein machen zu dürfen. Ähnliches könnte bei einer „Vorbedingung“ für ein Bedingungsloses Grundeinkommen passieren – man könnte es als „notwendiges Übel“ verstehen, ohne den Ernst einzusehen.

Aber einmal abgesehen davon, soll anhand der Inhalte dieses „Pflichtjahrs“ deutlich gemacht werden, dass diese Idee eine Überlegung wert ist. Wird nämlich in diesem Jahr „gesellschaftsrelevantes Wissen“ vermittelt, wird damit auch auf die gesellschaftliche Entwicklung Einfluss genommen.

Was ist aber mit „gesellschaftsrelevantem Wissen“ gemeint? Erinnert dies nicht an die „Staatsbürgerkunde“ der ehemaligen DDR, um die Menschen zu „guten Staatsbürgern“ zu erziehen und gleichfalls zu „ideologisieren“?

Die angedachten Inhalte könnten tatsächlich an das Fach SBK erinnern: Der Aufbau des Staates und der Gesellschaft. Allerdings auch Crashkurse in Psychologie, Soziologie, Politologie, Philosophie, Religionen und Wirtschaft. Sinn und Zweck wäre, die Funktionsweise und Hintergrundgedanken des Grundeinkommens zu vermitteln, um die gesellschaftliche Kompetenz der Bürger zu steigern.

Wer weiß denn schon, welche staatlichen Institutionen existieren, wohin man sich im Bedarfsfall wenden kann und wie unsere Gesellschaft eigentlich funktioniert? Von den vielen Weltanschauungen, die es gibt, wissen die wenigsten, was sie beinhalten und verstehen deshalb „Andersdenkende“ nicht.

Das „gesellschaftlichen Pflichtjahr“ könnte auch einen Block mit „gemeinnütziger Arbeit“ enthalten, die den Einzelnen an gesellschaftliche Arbeit heranführt. Schließlich gibt es beim Führerschein auch Praxis und Theorie.

Es ist klar, dass dieser Vorschlag die Grundidee des „Bedingungslosen Grundeinkommens“ in einer Weise aushebelt, weil man von niemandem verlangen kann, eine Vorleistung zu erbringen. Entsprechend wäre an ein „garantiertes Minimum“ zu denken, das allerdings unter dem Niveau des eigentlichen „Grundeinkommens“ läge – vielleicht in Höhe eines „Kindergrundeinkommens“. Dann wäre auch ein anderes Kriterium als Alter geschaffen, wann der Mensch „erwachsen“ ist.

Die häufig anzutreffende Argumentation, dass ein Herr Ackermann mit seinem überdurchschnittlichen Einkommen kein Grundeinkommen verdiene, schwächt sich bei dem Vorschlag gleichfalls ab. Er verdient wirklich kein Grundeinkommen, wenn er seine Sozialkompetenz nicht durch ein „gesellschaftliches Pflichtjahr“ erwirbt. Immerhin steht ihm – wie allen anderen – frei, ob er dies tatsächlich tun will.

Wirklich ausgegärt ist dieser Ansatz noch nicht. Offene Fragen sind spontan, wie es mit einer „Prüfung“ aussieht und ob die „Berechtigung“ bei Verstößen gegen gesellschaftliche Regeln wieder entzogen werden kann. Aber immerhin eine Idee, die dem Grundeinkommen die argumentative Gefahr nimmt, unsere Gesellschaft würde durch ein Bedingungsloses Grundeinkommen zugrunde gehen.

 
Diskutiere (23 Beitrag)
Bauer Harms
Aw: Führerschein fürs Grundeinkommen
Sep 19 2009 14:52:28
Hallo Herr Drescher,

ein bedingungsloses Grundeinkommen, das an Bedingungen geknüpft ist - gleich welcher Art -, ist kein bedingungsloses Grundeinkommen. Der Grundgedanke des bedingungslosen Grundeinkommens ist, daß jeder Mensch ein Recht auf Leben hat, das nicht an Bedingungen geknüpft werden kann. Dieses Recht auf Leben ist in einer hochkomplexen arbeitsteiligen Gesellschaft, die auf Fremdversorgung ausgerichtet ist, jedoch nur möglich, wenn jeder ein Einkommen erhält. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Mitglieder der Gesellschaft fleißig oder faul, klug oder dumm, freundlich oder unhöflich, groß oder klein, jung oder alt, männlich oder weiblich usw. sind. Jeder hat das Recht zu leben und somit ein Recht auf ein Einkommen.

Ein Grundeinkommen haben wir in Deutschland heute bereits. Es ist an die Bedingung geknüpft, eine Erwerbsarbeit aufzunehmen bzw. sich darum zu bemühen und heißt Hartz IV. Selbstverständlich kann man es auch an andere Bedingungen knüpfen. Zum Beispiel an die Ableistung von Wehr- oder Zivildienst. Oder den Besuch von Bildungslehrgängen inklusive Prüfungen. Das wäre dann so eine Art Bildungs-Hartz IV. Der Phantasie, welche Bedingungen man sich aussucht, sind letztlich keine Grenzen gesetzt außer denen der Grundrechte im Grundgesetz. Nur bedingungslos ist es eben in all diesen Fällen nicht.

Vielleicht nutzen Sie ja noch einmal die Gelegenheit in sich zu gehen und darüber nachzudenken, ob Ihnen die Idee eines bedingungsloen Grundeinkommens wirklich so sympathisch ist.
#69
Guido
Aw: Führerschein fürs Grundeinkommen
Aug 30 2009 18:57:06
Lieber Jörg

Es wäre besser anstatt ein Führerschein für ein Grundeinkommen zu fordern, bei Umschulungs und Fortbildungsmaßnahmen ein Grundeinkommen - Plus einzuführen.

Lieber Gruß
Guido
#62
Guido
Aw: Führerschein fürs Grundeinkommen
Jun 14 2009 09:30:31
Hallo Jörg,

klar der Mensch ist ein soziales Wesen das auf Gegenseitigkeit beruht und nicht auf völliger Unabhängigkeit seiner Mitmenschen.
Die Bedingungslosigkeit wie ich es meinte beschränkt sich auf ein Grundeinkommen und da sollten keine neue Hürden eingebaut werden um es zu erhalten,schon gar nicht durch zuvor erzieherische Maßnahmen als Bedingung,dieses ist nach meiner Auffassung schlichtweg absurd.
Natürlich landet man/frau irgendwann so wie ich ein BGE verstehe beim Konzept der Anarchie (leider ist dieser Begriff negativ besetzt und wird mit Caos und Gewalt übersetzt).Dieses Konzept steht halt für Selbstbestimmung und Selbstorganisation,dieses wird auch unabdingbar sein um wirklich zu einer glücklichen Gesellschaft zu gelangen und das sollte das Ziel sein.
Was wird aus Richtern,Polizisten,Anwälten,Zivil u.Strafrecht.Eine berechtigte Frage.
Anstatt immer mehr Bürokratie,Kontrolle,Bestimmungen,Verbote und den daraus resultierden Überwachungs/ Kontrollstaat sollte dieser konsequent und stetig abgebaut werden.Das Vertauen zum einzelnen Bürger sollte an erster Stelle stehen und nicht Vertrauen ist gut,Kontrolle ist besser.

Liebe Grüße

Guido
#56
iovialis
Aw: Führerschein fürs Grundeinkommen
Jun 13 2009 08:32:34
Hallo Guido,

Bedingungslosigkeit ist ein Traum, denn Menschen können nicht absolut unabhängig sein. Sie brauchen Nahrung, in vielen Regionen Kleidung und eine Wohnung, sowie soziale Kontakte. Das sind Grundbedingungen. Natürlich kann der Mensch auch all das verweigern, doch in der Konsequenz wird das nicht lange gut gehen.

Mit keinem Wort habe ich die Finanzierung eines BGEs angezweifelt und deshalb eine Zweiteilung des Grundeinkommens vorgeschlagen. Diese Trennung ist übrigens kein Vorschlag von mir, sondern wird von vielen BGE-Vertretern so gedacht. Aus dem einfachen Grund, weil Kinder und Erwachsene unterschiedlich viel Geld brauchen. Will man alle Menschen wirklich gleich machen, darf man Kindern nicht weniger Geld zugestehen, als Erwachsenen.

Im Prinzip ist der Vorschlag eine Gliederung in "Bedingungsloses Grundeinkommen" an wirklich alle (Kinder und Erwachsene) und "bedingte Grundrente" (nur Erwachsene, die die Bedingungen erfüllen können). Welche "Bedingungen" dafür angesetzt werden, ist offen. Die meisten BGE-Befürworter meinen, das Alter sei dafür Bedingung; ich schlug ein "gesellschaftliches Pflichtjahr" vor; möglich wäre auch - wie bei der heutigen Rente -, eine gewisse Arbeitszeit vorauszusetzen (allerdings nicht über 40 Jahre, sondern eher unter 10 Jahren).

Wenn Du Deine Forderung nach absoluter Bedingungslosigkeit konsequent denkst, landest Du beim Konzept der Anarchie. Und die Idee eines BGEs hat sehr viel mit diesem Konzept zu tun. Die große Frage ist, wer das Recht hat, in die Freiheit anderer Menschen einzugreifen und wann dieses Recht anzuwenden ist. Die nächste Frage wäre, wie ein Grundeinkommen dieses Recht beeinflußt. Soll heißen: Will überhaupt noch jemand in das Recht anderer eingreifen? Was ist mit Richtern? Polizisten? Staats- und Rechtsanwälten? Wie sieht's bei Streitigkeiten im Zivilrecht aus? Was ist mit dem Strafrecht?

Wenn wir eine funktionierende Gemeinschaft hätten, bräuchten wir weder Geld, noch Gesetze oder einen Staat mit Gewaltmonopol. Das nennt man Anarchie...

Ich bin für ein Grundeinkommen, aber im Bewußtsein, daß damit Vorbedingungen erfüllt sein müssen, um es Bedingungslos machen zu können.

Liebe Grüße,

Jörg
#55
Guido
Aw: Führerschein fürs Grundeinkommen
Jun 13 2009 07:18:57
Hallo Jörg

Es überracht mich, daß du als ausgemachter Vertreter eines BGE,

1. die Bedingungslosigkeit als Traum bezeichnest
2. das du anzweifelst,daß ein ausreichendes BGE für alle machbar sei (wegen der Finanzierung)
und deshalb das BGE in zwei Teile Gliedern möchtest.

Kritisch sehe ich deinen Vorschlag einen Grundeinkommensführerscheins einzuführen,der durch erzieherische Maßnahmen erst berechtigt ein volles oder Grundeinkommen 2 zu bekommen.

Ob ein verbindliches soziales/ökologisches Jahr anstatt der Wehrpflicht eingeführt werden soll (um die soziale Kompetenz zu erhöhen),lässt sich sicher diskutieren aber es sollte keine Voraussetzung für ein Grundeinkommen sein.

Konzepte die vermitteln was "Leben bedeutet" klingt gut,dann hoffe ich mal das du genau weißt was das bedeutet und Leute die solche Konzepte machen dieses ebenfalls genau wissen,ich persönlich verlasse mich da auf mein Leben und das Leben ansich und dieses ungeschriebene Recht sollte jedem zugestanden werden !
Ein Grundeinkommen deckt da nur die finanziele Seite ab und dieses sollte bedingungslos sein !
Hätten wir funktionierende Gemeinschaften bräuchten wir kein Grundeinkommen.

Nichts für ungut
Lieber Gruß

Guido
#54
Kontrado
Aw: Führerschein fürs Grundeinkommen
Jun 12 2009 14:42:31
Ein recht origineller Weg, um auch dem noch im aktuell vorherrschenden Zeitgeist gefangenen, über vielleicht Jahrzehnte konditionierten, typischen nur-bei-Leistung-gibts-Gegenleistung-Bürger, eine Brücke zu einem bedingungslosen Grundeinkommen zu bauen: "Siehst Du, auch hier musst Du Dir zuerst die Teilnahme an den Segnungen des bGE erarbeiten!".

Ich für meinen Teil fände es positiv, würde man auf diese Weise auch noch ein gewisses Maß an sozialer Kompetenz und ein gewissen Know-how hinsichtlich der vielfach unguten Verquickung des politischen mit dem Wirtschaftlichen System vermitteln. Ein guter Start in ein, von individueller sozialer Verantwortung und positiver Entwicklung, sowohl des Individuums als auch der Gesellschaft (auch der globalen)betreffend, getragenen Leben.
#53
iovialis
Aw: Führerschein fürs Grundeinkommen
Jun 12 2009 13:45:38
Hallo Guido,

der Traum der Bedingungslosigkeit ist zwar schön, aber einerseits klappt das nicht, weil das Geld zur Ausbezahlung irgendwoher kommen muß. Zudem beinhaltet der Vorschlag mit dem Führerschein ein "garantiertes Minimum", das an keine Bedingungen geknüpft ist. Wer mehr vom Staat mehr will, soll lernen, wie er mehr erhalten kann.

Ein "Herrschaftsfreier Ansatz" würde Anarchie bedeuten. Das geht aber nur, wenn sich alle Menschen an gewisse Regeln halten. Du verlangst allerdings gleichzeitig, daß niemand den Menschen erklären dürfen soll, wie diese Regeln lauten, sondern gehst davon aus, daß jeder diese Regeln selbst lernen können soll.

Es geht bei dem Ansatz nicht darum, Menschen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben, sondern darum, ihnen Konzepte zu vermitteln, was "Leben" bedeutet. Wer keine Lust darauf hat, kann sich mit seinem "garantierten Minimum" zufrieden geben oder versuchen, seine Arbeitskraft an die Wirtschaft zu verkaufen. Dem steht nichts entgegen.

Immerhin zeigt die Diskussion über den Vorschlag, daß die Bedingungslosigkeit des Grundeinkommens mehr Fragen aufwirft, als das Grundeinkommen selbst. Im Prinzip geht es um das Wechselspiel zwischen Einnahmen (Steuererhebung) und Auszahlung (Grundeinkommen).

Viele Grüße aus Kiew,

Jörg (Drescher)
#52
Guido
Aw: Führerschein fürs Grundeinkommen
Jun 12 2009 13:02:26
Wie der Name schon sagt sollte ein BGE ohne wenn und aber "bedingungslos" sein ! Entweder ist man/frau dafür (BGE)oder dagegen,es sollten keine neuen Hürden für ein BGE aufgestellt werden oder will man ein BGE auf den "Sankt Nimmerleinstag" verschieben ? Natürlich macht ein BGE den Menschen nicht automatisch zu einem besseren Menschen,der Mensch bleibt das was er ist mit allen seinen "Fehlern".Es sollte aber mal damit Schluß gemacht werden wie einzelne Menschen oder Gruppen anderen Menschen vorschreiben wollen wie sie zu leben haben,hier wünsche ich mir doch libertäre "Herrschaftsfreie" Ansätze !
#51
bertramkraus
Aw: Führerschein fürs Grundeinkommen
Jun 11 2009 15:30:31
Hallo,
"Mobilität und Verkehr" sind sozialpsychologisch immer hervorragende Beispiele für die Betrachtung sozialer und gesellschaftlicher Bedingungen und menschlichen Verhaltens und Handelns. Ein Führerschein berechtigt im allgemeinen nicht zur Teilnahme am Verkehr, sondern nur zur Führung eines entsprechenden Fahrzeuges, dass im Verkehr zugelassen wird. Mit dieser Berechtigung ist keine allgemeine soziale Kompetenz verknüpft, sondern lediglich eine Regelkompetenz. Diese besagt kaum mehr als das jeder Fahrzeugführer die geltenden Regeln anerkennt und sich daran orientieren soll (als Maß). Es ist ein formaler Akt der an ein System von meist sanktionsbewehrten Regeln andockt.Ich unterwerfe mich also einem Regelsystem (Verkehr), dass meine persönliche Freiheit in ganz erheblichem Umfang begrenzt. Es liegt trotzdem immer noch am Individuum, ob wann, wie und wo er sich dem fügt oder sich anders entscheidet.
In diesem System hat man es immer mit relativen Freiheitsgraden zu tun.
Zieht man die Analogie zur "Arbeit" ist es die durch Ausbildung erzielte Qualifikation, der Beruf, der zu Teilnahme am Berufs-/Arbeitsleben nicht allein berechtigt, sondern zum Erwerb einer dieser Qualifikation angemessenen Berufstätigkeit und Bezahlung. Für diese gilt im übrigen auch das oben Gesagte.
Dergleichen regelgeleitete Freiheiten sind uns also nicht fremd und wir können ganz gut damit leben. Ein "Führerschein“ für ein Grundeinkommen wirkt zwar auf den ersten Blick befremdlich, weist aber auf Dimension der gesellschaftlichen Praxis hin, der sich auch ein BGE nicht entziehen kann. Ein BGE wird, mindestens während seiner Implementation, regelgeleitet sein und damit nur vom Prinzip her bedingungslos. Es ist trotzdem wichtig an der Bedingungslosigkeit als Prinzip festzuhalten und sie dann auch zu realisieren. Der Weg ist hier nicht das Ziel.
Ein fortwährender "Führerschein" für ein Grundeinkommen ist trotzdem auch eine contradictio in adjecto, ein Widerspruch in sich selbst. Es wäre etwa so, als würde man "jeder/m" die Teilhabe an gesellschaftlichen Leben/Verkehr garantieren und dann entscheidet doch irgendeine Instanz oder soziale Bedingung über den Zugang . Oder "jeder/m" Qualifizierten einen Arbeitsplatz zusichern, aber dann zu sagen der Markt entscheidet darüber. Diese Wiedersprüche bestehen jetzt zuhauf und sind m.E. die besten Argumente für ein BGE. Letzteres ist nicht frei von Widersprüchen, es sei denn, wir setzen auf die emanzipatorische Wirkung: Die Änderung dessen , was Arbeit derzeit ist und bedeutet ( nämlich Arbeitszeit- und Leistungszwang und ein Programm des sozialen Ausschlusses von Teilen der Bevölkerung), was nichts weniger als eine Änderung der Gesellschaft impliziert. Aber auch umgekehrt: eine Änderung dieser Gesellschaft ist nur über eine Änderung „der Arbeit“ zu haben.
In einer Gesellschaft, die immer nur zwischen Anreiz- und Regelsystemen variiert, ist der sich selbstentfaltende, freie Mensch, der seine wirklichen Interessen erkennt nur schwer vorstellbar und das schwingt auch immer mit: Welchen Anreiz zur Arbeit gibt es noch nach Einführung eines BGE? und -als Subton-wer nicht dient, verdient der was?
Da liegt das Problem. Setze ich diesen „Führerschein“ als formalen Akt einer bedingten Einkommenszahlung, auf die derzeitige Arbeitswelt und Gesellschaft auf, komme ich ohne Systeme der Sanktionierung nicht aus. Diese Systeme hätten dann sicherlich irreversiblen Charakter
Setze ich ihn dagegen als Zwischenlösung für eine sich ändernde Arbeitswelt und Gesellschaft, werden sich, entlang der Veränderungen in Arbeitswelt und Gesellschaft, diese Zwischenlösungen in Wohlgefallen auflösen. Nicht zuletzt deswegen, weil die Freiwilligkeit (z.B. einer sozialen Arbeit)schließlich zu einer Aufwertung dieser Arbeit führt, gerade weil deren Ertrag nicht mit ökonomischen Begriffen zu messen ist ,weil sie nicht in Form von Ware daherkommt, die durch einen Lohn zu bezahlen ist

P.s.
Rainer Zoll hat das 1994 schon vorgeschlagen in "Staatsbürgereinkommen für Sozialdienste"-O.Negt(Hg.),Die zweite Gesellschaftsreform.
Hier sollte am Ende der Jugendzeit jeder Staatsbürger für eine unbestimmte Zeit sich zu einem freiwilligen sozialen Dienst (Aktivitäten im ökologischen, sozialen und kulturellem Bereich) verpflichten. Damit begründe sich ein Bürgereinkommen, dass einen durchschnittlichen Lebensstandard garantiert. Nach dieser Zeit wird das doppelte oder dreifache der eingesetzten Arbeitszeit Bürgergeld bezahlt, ohne dass eine weitere Verpflichtung bestünde. Dieser Vorschlag, der auch mit dem jetzigen System kompatibel wäre, weist jedoch ebenso darüber hinaus und zwar auf die Veränderung der Arbeit und der Gesellschaft.
Und tatsächlich ist ja ein freiwilliges soziales Jahr möglich, nur bleiben wir hier wieder unseren alten Arbeits- und Leistungsideologien treu und schrecken Jugendliche, mit dem Wunsch ein solches zu absolvieren, mit allen Mitteln der (reinen Markt-)Kunst ab. Es gibt zu wenig Plätze, es wird selektiert, der Lohn deckt nicht mal ansatzweise eine unteren Lebensstandard ab und im Lebenslauf macht sich das auch nicht so gut, es sei denn man studiert noch nebenbei oder macht Praktika.
#50
iovialis
Aw: Führerschein fürs Grundeinkommen
Jun 10 2009 08:15:55
Sehr geehrter Herr Mayer,

das Bürgergeld von Dieter Althaus kennt auch zwei unterschiedliche Höhen des Grundeinkommens, die sich am Einkommen orientieren. Der Einzelne kann sich jeweils dafür entscheiden. Zum anderen ist mir kein Modell bekannt, das nicht den Unterschied zwischen Kinder- und Erwachsenengrundeinkommen kennt.

Der Begriff "Bedingungsloses Grundeinkommen" suggeriert leider eine absolute Bedingungslosigkeit, die überhaupt nicht möglich ist.

Götz Werner ist immer sehr provokativ in seinen Aussagen, um die Denkblockaden zu durchbrechen. Ihn deshalb als Maß aller Dinge zu benutzen, finde ich reichlich übertrieben. Das Grundeinkommens ist eine Überzeugungs- und Glaubenssache, wie man den Menschen sieht und sehen will. Ob er sich dann tatsächlich als solcher offenbart, wird sich zeigen. Ist es aber moralisch zulässig, es an einer Gesellschaft zu testen?

Ihre Warnung übergehe ich einfach...

Viele Grüße aus Kiew,

Jörg Drescher
#49
HMayer
Aw: Führerschein fürs Grundeinkommen
Jun 09 2009 20:31:31
So ein Blödsinn! Götz Werner sagt, dass man zwar selbst arbeiten würde, aber anderen nicht zutraut, arbeiten zu gehen. Genau das gleiche trifft hier zu! Dieser Drescher ist gefährlich für die Idee des Grundeinkommens, da er Bedingungen aufstellen will, die jeder Vernunft entbehren!
#48
Martina
Aw: Führerschein fürs Grundeinkommen
Jun 09 2009 20:23:30
Soweit ich das jetzt verstanden habe, geht es Jörg darum, das Grundeinkommen an die Vermittlung einer gewissen "Sozialkompetenz" zu koppeln. Wer keine Lust darauf hat, bekommt ein "garantiertes Minimum" und basta. Anderfalls erklärt sich die Person dazu bereit, Wissen über sich und die Gesellschaft zu lernen, bzw. selbst Erfahrungen in diesem Bereich machen. Die Links von Henrik sind dazu sehr interessant, weil sie mitunter eine Methode aufzeigen, während Jörg mehr auf Wissensinhalte eingeht.

Trotzdem bleibt diese "Sozialkompetenz" nicht überprüfbar! Oder ist die "Ausbildungszeit" wirklich ausreichend? Das verleitet allerdings, wie Jörg sagt, zur bloßen "Anwesenheitspflicht", ohne an den (versuchten) vermittelten Inhalten interesse zu haben.

Letztlich dreht sich die Frage beim Grundeinkommen wirklich nur um die Reife des Menschen. Die einen setzen sie stillschweigend voraus, weil sie von einem positiven Menschbild ausgehen; die anderen lehnen das Grundeinkommen ab, weil sie dem Mensch die genannte Kompetenz absprechen; und eine dritte Gruppe, zu der wohl Jörg zählt, will den Menschen zu dieser "Sozialkompetenz" schulen.

Ich will ein Grundeinkommen - zumindest für mich -, weil ich mich sozial kompetent fühle; allerdings fange ich zu zweifeln an, ob ich ein Grundeinkommen für wirklich alle will, da sich deren Kompetenz nicht überprüfen läßt. Und langsam begreife ich, daß das Grundeinkommen diese Kompetenz nicht durch die alleinige Zahlung von Geld erzeugen läßt. Begleitende Maßnahmen sind dringend erforderlich. Der "Führerscheinansatz" macht also durchaus Sinn.
#47
iovialis
Aw: Führerschein fürs Grundeinkommen
Jun 09 2009 18:08:22
Hallo Henrik,

ein menschlicher Körper kann gleichfalls ein potentielles Tötungsinstrument sein, wie die Amokläufe der letzten Jahre zeigten. Zum anderen ist die Frage, ob man mit 18 Jahren wirklich schon die notwendige Reife hat, "vollwertiger Staatsbürger" zu sein. Wer den Führerschein gemacht hat, ist allerdings auch kein Fahrprofi und lernt in der Nachfolgezeit erst richtig fahren. Deshalb finde ich den Vergleich mit dem Führerschein nicht dumm.

Es ist utopisch zu glauben, daß in einem Jahr ein Mensch wirklich zum Menschen reift; gleich wie die Fahrschule einem nicht das vollständige Fahrvermögen beibringt. Allerdings bekommt man ein wichtiges Rüstzeug vermittelt - und mehr würde ich von diesem "Pflichtjahr" nicht verlangen.

Das heutige Bildungssystem setzt auf überprüfbares Wissen, um Noten vergeben zu können. Mit der Erziehung zur Eigenverantwortung sieht es da aus meiner Sicht düster aus. Und dieses "gesellschaftliche Pflichtjahr" ist im Prinzip ein Versuch, diese Schäden wieder gut zu machen.

Etwas Psychologie, um sich und andere besser zu verstehen; etwas Soziologie, um die Gesellschaft näher kennen zu lernen; etwas Philosophie, um Gedanken über das Menschsein bekannt zu machen; etwas über die Religionen, um deren Kernaussagen zu sehen und Grundkenntnisse der Wirtschaft, damit das Grundeinkommen keine Blackbox bleibt. Dann wäre da noch Politologie, was den Parteien nicht schmecken wird: wie funktionieren Wahlen, für was stehen die einzelnen Parteien und worauf basiert das System. Wichtig scheint mir noch die Vermittlung, welche staatlichen Institutionen es gibt, damit man sich überhaupt an sie wenden kann.

Das war und ist eigentlich alles Aufgabe unseres Bildungssystems. Einerseits hat sich die Welt entwickelt, andererseits haben wir es beim Grundeinkommen mit dem Beginn einer neuen Gesellschaftsordnung zu tun. Unter heutigen Bedingungen scheint der Ansatz praktikabel und ich gebe zu, daß die Idee bei zukünftigen Generationen ins staatliche Erziehungswesen integriert werden sollte.

Ich persönlich würde liebend gerne so ein "Pflichtjahr" absolvieren, weil ich gerne lerne und solche Sachen auch für wichtig halte. Wenn mir danach auch noch garantiert wird, ein Grundeinkommen in voller Höhe zu bekommen, wäre das perfekt. Wer keine Lust darauf hat oder sich anderweitig verpflichtet fühlt, hat immer noch sein "garantiertes Minimum". Aber ich bin nicht jeder, obwohl ich den Ansatz gut finde - da spielt meine persönliche Erfahrung allerdings eine wesentliche Rolle.

Bei was ich Dir zustimme: es könnte zu einer reinen "Anwesenheit" kommen, um die Zeit ohne großes Interesse einfach nur abzusitzen, damit es danach ein höheres Grundeinkommen gibt. Der Motivationsfaktor, sich in diesem "Pflichtjahr" zu engagieren und für die Inhalte Interesse zu zeigen, spiegelt wieder, was der Einzelne von der Gesellschaft will: Seine Ruhe und Geld ! Solche Vorbilder haben wir genug, die uns das vorleben...

Viele Grüße aus Kiew,

Jörg
#46
Henrik
Aw: Führerschein fürs Grundeinkommen
Jun 09 2009 16:33:21
1. Ich habe immer noch nicht ganz verstanden, was die Fertigkeit zum Betreiben eines potentiellen Tötungsinstrumentes (Kraftfahrzeug) mit dem Führen eines eigenverantwortlichen Lebens zu tun hat.

2. Wenn wir mit 18 Jahren volljährige Staatsbürger werden, haben wir ja schon das staatliche Erziehungswesen durchlaufen, welches für die demokratische oder staatsbürgerliche Bildung zuständig ist.

Dann kommt eigentlich nur noch der Zivildienst (ist ja auch nur ein Wehrersatzdienst) und das (freiwillige) soziale Jahr dazu, wo man gemeinwohlorientiertes Handeln in der Praxis erfahren kann. Dies könnte man stärker in die Schulzeit integrieren, wie es in anderen Ländern stärker geschieht (siehe Service-Learning, Youth Leadership und Civic Education).

Dazu zwei Hörbeiträge:
Empowerment (28 min)
»Von der nützlichen Erfahrung, nützlich zu sein (56 min)«

Auch kann man die Qualität der "Staatsbürgerkunde" bzw. den Grad der Demokratisierung des Unterrichts (siehe Offener Unterricht und Partizipation in Kitas ) des gelebten Schulalltag generell anzweifeln, was aber dann zur grundsätzlichen Kritik an unserem Bildungssystem führt (siehe Archiv der Zukunft). Jedenfalls kann ich nicht erkennen, wie die in Deutschland bestehende Schulpflicht zu einer Teilhabegerechtigkeit oder Zufriedenheit bei Schülern, Lehrern und Eltern mit dem Status Quo geführt hat.

Mich wundert es allerdings nicht, wenn anlässlich der niedrigen Wahlbeteiligung bei der Europawahl wieder Stimmen laut werden, die eine Wahlpflicht (verbunden mit finanziellen Sanktionen) fordern:

ZDF heute: Politik will Bürger zur Wahl zwingen

Immer dann, wenn der deutsche Staatsbürger nicht so will, wie es sich die politische Elite vorgestellt hat, dann wird der Staat als Oberlehrer herbeigerufen, um uns wieder auf Musterschüler zu trimmen.

Wohin das führt sieht man bei Hartz IV, wo man mit "Anreizen" so lange getrietzt wird, bis jeder kapiert hat, wo er im Labyrinth das Futterknöpfchen drücken muss.

Gelungene Erziehung, Reifung, und Menschwerdung braucht Vorbilder, braucht deren Achtsamkeit und Respekt und braucht vor allen Dingen genügend Zeit und Muße für das Schaffen von großzügigen Freiräumen, in denen wir eigenverantwortlich Fehler begehen und daraus immer wieder lernen können.

Ein System von Schul-, Wahl, oder GE-Führerscheinpflichten gehört für mich nicht dazu. Dann landet man bei "bedingten" Grundeinkommens-Modellen. Wie z.B. dem des BDKJ, der pro Jahr 500 Stunden gemeinnützige Arbeit "abzuleisten" vorsieht (Bürger mit Anwesenheitspflicht), ehe man das volle Bürgereinkommen erhält (immerhin entfiele die Wehrpflicht).

So bekommen wir eine "Anwesenheitsgesellschaft", aber nicht eine emanzipierte Gesellschaft geschweige denn einen emanzipatorischen Staat.
#45
iovialis
Aw: Führerschein fürs Grundeinkommen
Jun 09 2009 13:03:56
Hallo Klaus,

bei der Faulheit unterscheide ich dieses Phänomen in zwei Arten:
1.) Ein Mathematiker ist faul, weil er sich Gedanken macht, statt 1+1+1+1+1+1+1=7 7x1=7 zu schreiben. Er macht sich einmal mehr Mühe, um später "faul" sein zu können.

2.) Die gewöhnliche Faulheit, die das Untätigsein eines Menschen beschreibt, ohne etwas dafür je getan zu haben.

Bei der Dummheit ist es ähnlich. Zum einen stellt man fest, daß, je mehr man weiß, man um so dümmer wird. Das ist auch ein Prozess. Zum anderen weigert man sich, seine Dummheit zu erlernen, um sie akzeptieren zu können.

Sicherlich ist man dem Leben nichts schuldig, da man unfreiwillig geboren wurde. Keiner fragte, ob man sich das alles antuen will. Akzeptiert man es allerdings, auf dieser Welt zu sein, muß man etwas tun, um leben zu können - außer natürlich, man hat seine "Sklaven", die einem alles nachtragen.

Und zur Klassengesellschaft läßt sich sagen, daß wir immer eine solche haben. Säuglinge und Kinder wird es immer geben, die zwar Menschen sind, aber noch nicht allein zurecht kommen. Die Antwort auf die Frage, ob man erwachsen werden will, bleibt jedem selbst überlassen. Der monetäre Anreiz dafür mag liberal verwerflich sein, aber ist er es aus sozialer Sicht?

Aber vielleicht habe ich mich schon zu sehr in diese Idee verliebt, um Gegenargumente zu übersehen. Dann geht es mir allerdings wie manchen BGE-Befürwortern, die auf der Bedingungslosigkeit beharren und den Blick für Alternativen verschließen.

Nichts für ungut! Viele Grüße,

Jörg
#44
klausR
Aw: Führerschein fürs Grundeinkommen
Jun 09 2009 09:08:31
Lieber Jörg,

neben dem Recht auf Faulheit muss es auch ein Recht auf Dummheit geben. Wenn Du den Leuten schon nicht die Freiheit aufdrängen willst, darfst Du ihnen erst recht nicht Wissen aufzwängen. Vielmehr lockst Du sie mit einem höheren Grundeinkommen, aus ihrer - wenn auch selbstverschuldeten - Unmündigkeit.

Menschen sind dem Leben nichts schuldig! Wer dumm sein will, soll es eben bleiben. Ein Belohnungssystem, wie Du es vorschlägst, ändert nicht die Natur des Menschen. Der Mensch bleibt Mensch - egal, wie dumm, gebildet oder mündig. Du willst aber eine Zwei-Klassengesellschaft: Kinder und durch ein "gesellschaftliches Pflichtjahr" berechtigte "Erwachsene". Da hilft auch keine Freiwilligkeit zur Pflicht.

Herzlichst,

Klaus
#43
iovialis
Aw: Führerschein fürs Grundeinkommen
Jun 08 2009 20:06:40
Hallo Herr Mayer,

kein Mensch kann sagen, wohin uns ein Bedingungsloses Grundeinkommen führen wird. Vor allem dann nicht, wenn wir es einfach so, bedingungslos eben, ausbezahlen. Man mag nun sagen, daß es gerade der Reiz an der Idee ist. Dem stimme ich gerne zu. Allerdings würde ich der Bewegung doch gerne einen gewissen Impuls an Menschlichkeit mit auf den Weg geben.

Wenn Sie einen Führerschein fürs Auto machen, schreibt ihnen auch niemand vor, wohin Sie fahren dürfen. Gleichfalls ist es Ihnen danach überlassen, mit welchem Tempo Sie fahren und welches Auto Sie benutzen. Sie müssen Ihr erworbenes Recht nicht einmal nutzen.

Ähnlich verhält es sich mit der Idee eines "Führerscheins fürs Grundeinkommen". Ihnen werden die Grundlagen der Gesellschaftsordnung vermittelt; Sie lernen technisches Basiswissen über Ihr Gefährt (das Grundeinkommen); Sie erhalten Informationen, wie Sie sich verhalten müssen, um umweltschonend zu fahren... Und wenn Sie keine Lust darauf haben, diesen "Schein" zu machen, können Sie trotzdem zu Fuß gehen (mit dem "garantierten Minimum" ).

Können wir es uns leisten, jedem - ohne Bedingungen - ein Grundeinkommen auszuzahlen? Und sind die hier vorgestellten Bedingungen wirklich so absurd? Würden Sie sich heute zutrauen, ohne je hinter einem Lenkrad gesessen zu haben und ohne jegliche Anleitung, am Straßenverkehr einer Großstatt teilzunehmen?

Viele Grüße aus Kiew,

Jörg (Drescher)
#42
HMayer
Aw: Führerschein fürs Grundeinkommen
Jun 08 2009 17:33:01
Was Sie verlangen, ist ein "Führerschein", um sich selbst zu führen! Wir "führen" uns doch schon selbst. Bei einem Auto geht es um die Kontrolle über etwas, das man nicht ohne weiteres beherrscht. Aber wir sind unser Körper und aus dem kommen wir nicht raus.

Warum unterstellen Sie, dass der Mensch heute nicht mit seiner Freiheit umgehen kann? Wir sind längst frei und leben verantwortungsbewußt. Alle Interessenskonflikte, die es immer geben wird, müssen im öffentlichen und politischen Streit ausgetragen werden. Und der dafür notwendige Bildungsprozess vollzieht sich über Jahre hinweg - in Familien, Bildungseinrichtungen und im Gemeinwesen.

Wir brauchen keinen Führerschein! Wir brauchen ein Bedingungsloses Grundeinkommen, um uns Ihren Führerschein leisten zu können!
#41
iovialis
Aw: Führerschein fürs Grundeinkommen
Jun 08 2009 16:23:14
Hallo Martina,

ein Bürgerrecht kann man verlieren - z.B. auch das aktive oder passive Wahlrecht. Zumindest sieht es §45 StGB vor. Außerdem gab's den Radikalenerlass, der in Zeiten der RAF zur Frage führte, ob Terroristen ein politisches Amt ausführen dürfen sollen.

Du sprichst aber mit der Reife eine wesentliche Frage an, die sich beim Grundeinkommen stellt: Ab wann ist ein Mensch Mensch, bzw. ein Bürger Bürger? Daß der Reifeprozess ausschließlich in jedem Einzelnen vor sich geht, wage ich zu bezweifeln. Ein Apfel reift nicht nur durch den Baum, sondern auch durch die Umweltbedingungen. Entsprechend sehe ich die Gesellschaft sehr wohl in der Pflicht, sich am Reifeprozess zu beteiligen.

Tatsächlich scheinen die bedingungslosen Grundeinkommensbefürworter vor allem von verantwortungsbewußten Erwachsenen auszugehen und vergessen dabei, daß wir erst von Kindern zu Erwachsenen werden. Aber wann ist ein Mensch nicht mehr Kind, sondern selbständig? Sollte nicht die Gesellschaft ihre Mitglieder zur Selbständigkeit erziehen?

Legen wir den Maßstab des Netzwerk Grundeinkommens für die Bedingungslosigkeit an:
* die Existenz sichern und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen,
* einen individuellen Rechtsanspruch darstellen,
* ohne Bedürftigkeitsprüfung ausgezahlt werden,
* keinen Zwang zur Arbeit bedeuten.

Welche Punkte gehen von einem Erwachsenen aus, welche von einem Kind? Das hier vorgestellte Konzept sieht ein "garantiertes Minimum" vor, das einem Kind zum Leben ausreicht. Vielleicht ermöglicht dies keine gesellschaftliche Teilhabe und bedeutet Arbeitszwang. Um sich daraus zu "befreien" hat aber jeder den Rechtsanspruch, ein "gesellschaftliches Pflichtjahr" zu absolvieren, um danach ein höheres Grundeinkommen zu erhalten, das dann dieser Definition der Bedingungslosigkeit voll entspricht.

Die Netzwerk-Definition läßt sehr wohl eine "Gegenleistung" zu. Wer aber glaubt, das Grundeinkommen würde einem nachgetragen, sieht sich wirklich im Schlaraffenland. Zeigte nicht die Aktion vom 1. April, daß die Leute bereit sind, ein Grundeinkommen zu beantragen? Einen Führerschein kann man auch beantragen - aber vor dem Fahrrecht muß man gewisse Regeln lernen, um es ausüben zu dürfen. Und so dumm finde ich es nicht, wenn sich Leute vor dem Recht zu wählen erst einmal darüber informieren müssen, was sie da denn eigentlich tun. Oder ist es gerecht, daß ein uninformierter Bürger das gleiche Stimmrecht hat, wie jemand, der sich informiert?

Viele Grüße aus Kiew,

Jörg (Drescher)
#40
Martina
Führerschein fürs Grundeinkommen
Jun 08 2009 11:09:14
In diesem Thema wird dieser Beitrag diskutiert: Führerschein fürs Grundeinkommen

So vernünftig dieser Vorschlag im ersten Moment klingen mag, will ich einwenden, dass es für das Wahlrecht auch keine Bedingungen gibt - außer das Alter. Soll das heißen, wer das "gesellschaftiche Pflichtjahr" nicht absolviert hat, darf dann auch nicht wählen?

Wenn das Bedingungslose Grundeinkommen ein Bürgerrecht sein soll, darf es an keine Bedingungen geknüpft sein - wie beim Wählen. Und die Frage, ob das Bürgerrecht dann wieder entzogen werden können soll, entbehrt jeder Vernunft: Wer "falsch" wählt, verliert damit auch nicht das Recht, in Zukunft wählen zu dürfen.

Außerdem ist es schlichtweg unmöglich, die Reife eines Menschen durch eine "Prüfung" zu bestimmen oder sie durch eine "gesellschaftliches Pflichtjahr" herbeizuführen. Der Prozess erfolgt in jedem selbst und dafür ist nicht die Gesellschaft verantwortlich, sondern der Einzelne.
#39
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