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Grundeinkommen als Gegenreligion PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Jörg Drescher    Bookmark and Share
Mittwoch, 20. 05 2009

In dem Artikel „Der Markt als Gott“, der im März 1999 in The Atlantic erschien, vergleicht der US-amerikanische Theologe Harvey Cox den Markt mit Gott. Die „Religion“ rund um die Marktwirtschaft hat ihre eigenen Mysterien, Rituale und Feiertage.

Wie der christliche Gott erscheint der Markt heute „allmächtig“, „allwissend“ und „allgegenwärtig“. Ökonomen, Geschäftsleute und Politiker bringen ihm eine entsprechende Ehrfurcht entgegen, denn die „unsichtbare Hand“, wie Adam Smith die Selbstregulation des Marktes nannte, kann sie jederzeit mit aller Kraft treffen.

Börsengurus analysieren die Befindlichkeit des Marktes mit demselben Vokabular, wie man einst die Stimmungslage von Göttern vorhersagen wollte. Die Nachrichten der Wall Street berichten über den launischen Willen des Marktes. So kann man jeden Tag erfahren, ob der Markt „ängstlich“, „erleichtert“, „nervös“ oder manchmal sogar in „Jubelstimmung“ ist.

Auf Grundlage dieser Offenbarungen fällen ehrfürchtige Anhänger kritische Entscheidungen, ob sie kaufen oder verkaufen. Wie die verschlingenden Götter des Altertums muss der Markt – treffend verkörpert mit einem Bullen oder Bären – unter allen Umständen gütig gestimmt werden.

Die Wahrsager und Propheten der Marktlaune sind die Hohepriester seiner Mysterien. Gegen ihre Mahnungen zu handeln, heißt, eine mögliche Verbannung zu riskieren. Wenn heute irgendein Regierungskurs nicht im Sinne der Staatsreligion ist, werden die Verantwortlichen für ihre Respektlosigkeit bestraft. Der Markt droht mit Stellenabbau, Arbeitslosigkeit und einer wachsenden Einkommenskluft. Niemand darf die ultimative Allwissenheit des Marktes in Frage stellen.

Mittelsmännern und Markt bilden eine Synergie durch Meinungsforschung. Geschult in Psychologie, die als neue „Wissenschaft der Seele“ dient, suchen die modernen Erben der alten Seelsorger nach verborgenen Fantasien, Unsicherheiten und Hoffnungen der Bevölkerung. Der Markt weiß mittlerweile über die tiefsten Geheimnisse und dunkelsten Wünsche unserer Herzen – oder zumindest wollte er sie gerne kennen.

Der Markt ist allgegenwärtig. Er informiert die Menschen über deren Sinn und Gefühle. Es scheint keinen Ausweg zu geben, um vor seinem unermüdlichen Streben zu fliehen. Er verfolgt den Menschen vom Einkaufszentrum nach Hause, bis in die Kinder- und Schlafzimmer.

Man will glauben, dass zumindest die „spirituelle“ Dimension des Lebens gegenüber dem Markt resistent sei. Aber als die Märkte für materielle Güter zunehmend übersättigt waren, erschleicht sich die Marktwirtschaft neue Bereiche. Die persönliche Sinnsuche kann mit einer Buchung von Wochenendworkshops in einem karibischen Ferienort befriedigt werden, wo man von einem sensiblen psychologischen Berater empfangen wird.

Unstimmigkeiten zwischen den traditionellen Religionen wirken im Vergleich zu den fundamentalen Unterschieden, die sie mit der Religion des Marktes haben, kleinlich. Die meisten scheinen sich damit zufrieden zu geben, dessen Diener zu werden, so wie alte heidnische Gottheiten letztlich in einem verminderten, aber sicheren Status im Christentum aufgingen. Hindu Tempel, Buddhistische Feste und Katholische Heiligenschreine können sich auf eine Reinkarnation freuen. Sie bieten zusammen mit einheimischen Kostümen und pikantem Essen eine Abwechslung zum sonst so faden Dasein.

Regierungen erhoben die Marktwirtschaft zur Staatsreligion. Der Unterschied zwischen freier und sozialer Marktwirtschaft besteht darin, dass den Bürgern einer sozialen Marktwirtschaft der Glauben an die Macht des Marktes vermindert aufgezwungen wird, während die Untergebenen einer freien Marktwirtschaft dessen geballte Kraft zu spüren bekommen.

Im gelebten Sozialismus nahm der Staat die Rolle des Marktes durch die Planwirtschaft ein. Am göttlichen Status änderte dies nichts: Der Staat, vertreten durch eine Einheitspartei, wusste, was für die Menschen gut sei. Selbständiges Denken und Eigenverantwortung wurde durch Gott ersetzt.

Das Grundeinkommen stellt dabei eine Gegenreligion dar. Plötzlich sollen die Menschen dem Markt entzogen und auch nicht mehr verplant werden. Entgegen dem Versprechen, sein Seelenheil allein im Markt zu finden, wird jedem frei gestellt, daran teilzunehmen. Der neue Gott ruht im Selbst und das Gewissen kann nicht mehr damit beruhigt werden, indem der Markt für seine Handlungen verantwortlich gemacht wird.

Der Markt und seine Religion wird genauso wenig untergehen, wie der Sozialismus mit seiner Planwirtschaft. Nur bietet die Idee eines Grundeinkommens eine Alternative zu den profanen Göttern.

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