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Ist ein Grundeinkommen überhaupt nötig? PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Jörg Drescher    Bookmark and Share
Dienstag, 3. 03 2009
Wenn man sich einmal überlegt, was ein Grundeinkommen psychologisch anrichtet, frage ich mich immer mehr, ob das überhaupt der richtige Weg ist. Die wenigsten Menschen kommen damit klar, einfach nur Mensch zu sein. Wenn man Leute auf der Straße fragt, wer sie sind, so bekommt man häufig zur Antwort: Ich bin Ingenieur, Arzt, Sekretär, Arbeitsloser... Wer sagt schon gerne: Ich bin Mensch? - Das ist doch jeder und niemand ist dann mehr etwas besonderes. Wo bleibt das Individuum?
 
Die Idee eines Grundeinkommens, so wie sie heute oftmals vermittelt wird, beraubt Menschen ihrer Identität und Individualität. Das stößt (natürlich) auf Ablehnung. Der Begriff "Grundeinkommen" scheint die Idee nur unzureichend zu beschreiben.

Ich kann mich noch gut an den Berliner Kongress erinnern, als mir Christoph Schlee stolz sagte: Ich bin nun Pressesprecher im Netzwerk. Wer war er aber davor? Ein Niemand? Plötzlich hatte er eine Aufgabe und für sich einen Sinn im Leben mit dem Gefühl, "Diener" für eine "gute Sache" zu sein - gegeben durch eine Position, die seinem Wesen entspricht (oder wenigstens seiner Vorstellung davon). Dorothee Schulte-Basta und Reimund Acker waren "für eine gute Sache" in New York - ermöglicht von Menschen, die gleichfalls an "die gute Sache" glauben und anderen damit Dinge ermöglichen, die der Einzelne nicht hätte. Bedingungslos!

Menschen rufen nicht nach Geld, sondern nach einer Aufgabe, die ihnen Sinn im Leben gibt und das Gefühl, für eine Gemeinschaft nützlich zu sein. Die wenigsten wollen etwas geschenkt, sondern für das, was sie tun, Anerkennung als das, was sie sind: Menschen. Es geht ihnen um eine Selbstentfaltung als Mensch unter Menschen.

Wo aber ist in einer BGE-Gesellschaft diese Aufgabe? Ist ein BGE nicht absoluter Liberalismus, der die Abhängigkeit von Geld verstärkt? Entläßt man den Menschen nicht in eine Freiheit, mit der jeder einzelne dann selbst zurechtkommen soll? Versucht man etwa einen "neuen, besseren Menschen" zu kaufen? Alleingelassen mit etwas Geld, damit er selbst etwas aus sich und seinem Leben macht?

In einer konsumfinanzierten BGE-Gesellschaft ist der Einzelne nur noch als Konsument notwendig - kein Unterschied zu heute. In einer einkommensfinanzierten BGE-Gesellschaft unterstützt derjenige mit Einkommen jene, die kein Einkommen haben - wieder kein Unterschied zu heute. Heute verwirklicht sich ein Teil der Gesellschaft auf Kosten anderer und wieso sollte sich dies unter einem BGE ändern - unabhängig von der Finanzierung?

Ist unser Ziel nicht vielmehr eine Gesellschaft, die aus vielen Gemeinschaften besteht - kleinen Inseln, in denen sich Menschen gegenseitig helfen, damit sich jeder entfaltet? Wollen wir nicht Gemeinschaften, die andere Gemeinschaften unterstützen - ohne Neid, Gier und Hass? Brauchen wir dazu überhaupt ein Bedingungsloses Grundeinkommen? Oder ist das BGE wesentlicher Bestandteil des "emanzipatorischen Sozialstaats"? Hilfsmittel im "jovialen Staat", der die hier aufgeworfenen Aufgaben "zum Wohle aller" zu lösen versucht? Garantiert!

Nachdenkliche Grüße aus Kiew,

Jörg Drescher
 
 
Diskutiere (2 Beitrag)
Kawareiter
Aw: Ist ein Grundeinkommen überhaupt nötig?
Apr 24 2009 12:40:25
Also.. ich bin Neueinsteiger in diesem Gebiet und würde doch gerne mal wissen, wie relevant dieses Thema eigentlich schon ist und ob man es wirklich so ausdiskutieren muss ?

ich bin ja grundsätzlich dafür dass es den Menschen zusteht vom Staat unterstützt zu werden weil ich selber gerade einer von denen bin

Aber man sollte zuerst einmal darüber nachdenken wer diese Sonderzulage, wie ich dieses Grundeinkommen nenne, letzt-endlich wirklich bekommen sollte.

Es gibt Frauen die mit 70 oder älter plötzlich ganz alleine auf der Welt sind weil ihre Ehemänner verstorben sind.
Bis dahin waren sie sicher versorgt durch das zweite Renteneinkommen ihrer Partner.
Nun machen sie hundert und mehr Gänge zu den Rentenstellen um nachher festzustellen dass sie ja mit der Witwenrente und der eigenen kleinen Rente noch von der Hand im Mund leben.

Oder die Menschen, die nach einem Unfall nicht mehr eingestellt werden, weil die Arbeitgeber ihnen nicht zutrauen, dass sie noch volle Leistung im Job bringen würden und daher zum Sozialfall geworden sind?

Oder die!!!!!!!!!!!!! denen es gerade einfällt dass sie mit ihrem Gehalt von 1200 bis 1500 Euro noch zu wenig Geld haben und dann dieses Grundeinkommen genau das ist was ihnen noch fehlt?

Diese genannte Gruppe ist nur fiktiv genannt ,aber tun wir mal so es gäbe sie auch.................

genau diese Gruppe würde nach dem neuen Grundeinkommens-Gesetz ebenso berücksichtigt werden , wie die Gruppen , die noch garnichts oder nur wenig besitzen,,,wo bitte bleibt da nun die Logig?


An dieser Stelle frage ich mich ob man nicht erstmal gut überlegen sollte, wer denn nun wirklich in den Rahmen einer Bedürftigkeit für dieses Grundeinkommen passt und wer nicht? bevor man überhaupt diskutiert ob es dieses Grundeinkommen wirklich geben soll?

Wenn man nun diese Frage beantworten kann , dann ist es an der Zeit eine neue
Diskusion zu starten....

eben einen Schritt nach dem anderen setzen
#38
Lukas
Ist ein Grundeinkommen überhaupt nötig?
Mar 17 2009 20:57:20
In diesem Thema wird dieser Beitrag diskutiert: Ist ein Grundeinkommen überhaupt nötig?

QUOTE:
JD> Menschen rufen nicht nach Geld, sondern nach einer Aufgabe, die ihnen Sinn im Leben gibt und das Gefühl, für eine Gemeinschaft nützlich zu sein. Die wenigsten wollen etwas geschenkt, sondern für das, was sie tun, Anerkennung als das, was sie sind: Menschen. Es geht ihnen um eine Selbstentfaltung als Mensch unter Menschen.

Ja, ein Mensch braucht eine Aufgabe, eine sinnstiftende Tätigkeit und Teilhabe! Aber wer bestimmt, was für eine Gesellschaft "nützlich" ist? Kein Mensch, der Gesellschaft, in der van Gogh lebte, war bereit auch nur ein Butterbrot für dessen Bilder zu bezahlen - und so lebte er mehr schlecht als recht von der Unterstützung, die er seinem Bruder immer wieder abbetteln mußte ... Hätte er also seine Bilder nicht malen sollen, um stattdessen etwas "Anständiges" zu machen? In der Weltgeschichte gab und gibt(?) es immer wieder Einzelne, die - entgegen dem Streben und Wollen der Mehrheit - Grundlegendes für die Menschheit geleistet haben, aber es wurde ihnen meist sehr schlecht vergolten ...

Ja eben, Menschen rufen nicht (nur) nach Geld (sonst hätte es diese wenigen womöglich auch nicht gegeben), aber als Menschheitsgemeinschaft sollten wir keinem Mitglied vorenthalten, was es zum Leben braucht, nur weil wir zu unterbelichtet sind, dessen Beitrag zum Gesamtergebnis zu sehen! - Und da in einer Geld-zentrierten Welt ein Geld-Einkommen derzeit (noch) unerlässlich ist, ist ein BGE wohl im Moment die einzig(?) praktikable Option.

Vielleicht sollten sich aber - flankierend - alle BGE-Befürworterinnen und Befürworter auch in der Umsonst-szene engagieren, um schon hier und heute das Potential einer BGE-Gesellschaft (keimhaft) vorzuexerzieren und einen Ausblick zu geben, wie eine Geld(schein)-lose Gesellschaft aussehen könnte, in der Zeit wirklich Geld ist (wie es ja die Tauschringe schon vormachen ...)


QUOTE:
JD> Wo aber ist in einer BGE-Gesellschaft diese Aufgabe? Ist ein BGE nicht absoluter Liberalismus, der die Abhängigkeit von Geld verstärkt? Entläßt man den Menschen nicht in eine Freiheit, mit der jeder einzelne dann selbst zurechtkommen soll? Versucht man etwa einen "neuen, besseren Menschen" zu kaufen? Alleingelassen mit etwas Geld, damit er selbst etwas aus sich und seinem Leben macht?

In der Tat ist das eine Gefahr! Aber was ist die Alternative? Zu einem Freiheitsangebot gehört auch die (Betriebs)Anleitung, wie mensch dieses Geschenk in förderlicher Weise für sich und die Gemeinschaft nutzen kann. Dies gehört in den Zuständigkeitsbereich der Bildung (und ich verstehe darunter ganz sicher nicht, was heute im allgemeinen so alles darunter verstanden wird! ...)


QUOTE:
JD> In einer konsumfinanzierten BGE-Gesellschaft ist der Einzelne nur noch als Konsument notwendig - kein Unterschied zu heute. In einer einkommensfinanzierten BGE-Gesellschaft unterstützt derjenige mit Einkommen jene, die kein Einkommen haben - wieder kein Unterschied zu heute. Heute verwirklicht sich ein Teil der Gesellschaft auf Kosten anderer und wieso sollte sich dies unter einem BGE ändern - unabhängig von der Finanzierung?

Ganz und gar nicht!
1) Eine BGE-Gesellschaft, in der alle nur noch konsumieren wollen, ist zum Untergang verurteilt.
2) In einer BGE-Gesellschaft werden keine Einkommen mehr aufgeteilt. Sondern von dem von allen erwirtschafteten BIP wird quasi eine Art Volksdividende an die Aktionärinnen und Aktionäre der Deutschland- oder EU- oder gar Welt-AG ausgeschüttet!
3) Schmarotzer gibt es (leider) wohl immer. Ich glaube aber, daß es in Wirklichkeit nur sehr sehr wenige sind! (Ich habe jedenfalls noch kein unverbogenes Kind gesehen, das nicht spontan mithelfen wollte, wenn es sah, daß irgendwo etwas gearbeitet wurde!)


QUOTE:
JD> Ist unser Ziel nicht vielmehr eine Gesellschaft, die aus vielen Gemeinschaften besteht - kleinen Inseln, in denen sich Menschen gegenseitig helfen, damit sich jeder entfaltet? Wollen wir nicht Gemeinschaften, die andere Gemeinschaften unterstützen - ohne Neid, Gier und Hass? Brauchen wir dazu überhaupt ein Bedingungsloses Grundeinkommen? Oder ist das BGE wesentlicher Bestandteil des "emanzipatorischen Sozialstaats"? Hilfsmittel im "jovialen Staat", der die hier aufgeworfenen Aufgaben "zum Wohle aller" zu lösen versucht? Garantiert!

Vielleicht brauchen wir wirklich kein BGE. Aber wir brauchen etwas, um die derzeitigen systemimmanenten Ungerechtigkeiten und Schieflagen, die jede Eigeninitiative, die nicht hundertprozentig Systemkonform ist, über kurz oder lang abwürgt, aufzubrechen! Und wir brauchen vor allem keine Gängelung, Bevormundung, Entrechtung und Demütigung etc. pp., nur weil es vielen nicht gelingt, einen von den raren "Einkommensplätzen" zu ergattern!!

Also: Das BGE löst sicher keines der wirklichen Probleme der Menschheit! Ich betrachte aber mittlerweile angesichts dessen, was auf der Welt los ist (vgl. z.B. "Der Geist des Geldes", "Let's make money" ...), die Forderung nach der weltweiten Einführung eines BGE als Minimalforderung! Und zwar allein deshalb, weil dies für viele Menschen - zumindest kurzfristig - eine gewisse Entlastung (psychologisch vor allem, und weltweit gesehen aber auch materiell) von der Sorge ums nackte (Über)Leben bedeuten würde.

Durch die Einführung eines Grundeinkommens würde somit vielleicht endlich eine Bedingung der Möglichkeit geschaffen, einen kleinen Türspalt hin auf die Lösung der wirklichen Probleme der Menschheit zu öffnen.

Dieser so gewonnene Freiraum müßte dann allerdings auch von möglichst vielen Menschen intensiv genutzt werden, um die wirklichen Fragestellungen der Menschheit anzugehen und zu bearbeiten!

Ich würde also eigentlich zuerst gerne umgekehrt fragen wollen, was richtet die derzeitige Denkungsart und Praxis des Wirtschaftens bei den Menschen psychologisch an, die niedere (bloß tierisch-biologische) Strebungen und Kräfte für ihre Zwecke zu instrumentalisieren sucht, um sie so in den "Dienst" der vorgeblichen "Allgemeinheit" zu stellen?

Es ist schon sehr sehr lange bekannt (und gewiß nicht erst seit Wilhelm Hauffs "Das kalte Herz" ), daß eine gewisse Klasse von "Erfolgen" einen hohen bis sehr hohen - ja sogar den höchstmöglichen - Preis haben!

Herzliche Grüße aus Mainz!

Lukas Godulla



Weblink (fiel mir dieser Tage in die Hände)

  • Non vitae sed solum rei oeconomicae discimus?, FAZ-Blog v. Thomas Strobl, 14.03.2009
  • #35

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