|
Sascha Liebermann (Freiheit statt
Vollbeschäftigung) erwähnte in seinem Grußwort zum einjährigen Bestehen des
Hamburger Netzwerk- Grundeinkommen, dass jede Vereinheitlichung und jedes
Bündnis eines bestimmten Konzept die Chancen der BGE-Verwirklichung gefährden
würde. Schon im Newsletter Nr. 9 des Netzwerk Grundeinkommens vom November 2006
meinte Werner Rätz (Attac), dass Finanzierungsmodelle für die BGE-Idee
unvermeidlich, aber schädlich seien. Dem möchte ich widersprechen und hier
meine Gründe erklären.
Man kann viele Argumente für (aber auch gegen) ein
Grundeinkommen vorbringen, die aus den Geisteswissenschaften, wie Philosophie,
Psychologie, Soziologie, Politik usw. stammen. All diese Argumente haben
gemeinsam, dass sie die positiven und negativen Wirkungen eines Grundeinkommens
beleuchten. Naturwissenschaften, vor allem die Biologie, beschreiben hingegen
objektiv nachprüfbar, dass jeder einen Grundbedarf zum Leben hat.
Die geisteswissenschaftliche Argumentation setzt sich zum
Teil mit dem Lebensentwurf auseinander, wie dieser Grundbedarf gedeckt werden
soll. Werner Rätz spricht in diesem Zusammenhang von einem zeitlosen Aspekt der
Arbeit.
Fakt ist, dass die meisten Menschen heute glauben, sie
würden „von Geld leben“. Das stimmt nur insofern, weil durch Geld die
Möglichkeit gegeben wird, etwas zu kaufen, das zum Leben notwendig erscheint.
Geld gibt somit nur indirekt die Möglichkeit zu leben, denn Geld kann man nicht
essen.
Trotzdem sind die meisten Lebensentwürfe darauf
ausgerichtet, Geld zu erwirtschaften. Doch es kommt immer häufiger dazu, dass
es für das Angebot der eigenen Arbeitskraft keine Nachfrage gibt. Sofern keine
anderen Einkünfte existieren, sind die Möglichkeiten zu leben (durch Geld)
eingeschränkt, obwohl heute genügend Möglichkeiten zum Leben (durch Angebote)
vorhanden sind.
Hierauf gründet die Idee des Grundeinkommens: Jeder soll
genügend Geld zum Leben bekommen, damit er seinen Lebensentwurf verwirklichen
kann. Das Warum lässt sich, wie gesagt, geisteswissenschaftlich diskutieren;
die Notwendigkeit ist allerdings naturwissenschaftlich gegeben – aber die
Umsetzung basiert auf der Wirtschaftswissenschaft.
Wirtschaftswissenschaft kann man als Wissenschaft der
Wertentstehung anhand der Bemessungsgrundlage Geld betrachten. Sie basiert auf
Angebot und Nachfrage. Dabei wird oftmals der tatsächliche Handel vergessen.
Doch was ist mit Menschen, die weder über Waren, noch über
Arbeitskraft zum Handel verfügen? Gemeint sind vor allem Kinder, Kranke,
Behinderte und Alte. Sie erzeugen zwar eine Nachfrage, aber können mit keinem
Angebot aufwarten.
Darüber macht sich die Wirtschaftswissenschaft keine
Gedanken, was einem wissenschaftlichen Herangehen entspricht. Wissenschaft ist
weder moralisch, noch ethisch.
Doch wie erwähnt, wird der tatsächliche Handel oftmals in
der Wirtschaftswissenschaft unterschlagen. Beim Handel wird man sich nämlich
über den Tauschwert einig. Reden wir allerdings über Werte, verlassen wir den
wissenschaftlichen Boden, da Werte keine objektive Bemessungsgrundlage haben.
Ein Glas Wasser in der Wüste hat einen anderen Geldwert, als das gleiche Glas
Wasser an einem sauberen Bergbach. Aber gerade Zahlenwerte sind Rechenbasis der
Wirtschaftswissenschaft.
Diese Wissenschaft dominiert zunehmend alle Lebensbereiche,
weil man allem einen Wert beimessen kann. Selbst die Idee eines Grundeinkommens
entstand aus dieser Dominanz heraus und wird durch argumentative Bewertung
befürwortet oder abgelehnt – letzten Endes durch die reale Umsetzbarkeit.
Wenn nun Werner Rätz und unabhängig davon Sascha Liebermann
meinen, dass es schädlich und gefährlich sei, Finanzierungsmodelle zu
diskutieren, ist dies eine Bewertung eines wichtigen Teilaspekts des
Grundeinkommens. Ohne Einigung inkl. Bündnis bei den Umsetzungsmöglichkeiten
bleibt die Idee eines Grundeinkommens Traum und Utopie.
Dabei verstehe ich die Position der beiden, denn sie sagen
im Prinzip, dass zuerst ein Wille da sein muss, um einen entsprechenden Weg zu
finden. Allerdings gehe ich von dem Ansatz aus, dass mögliche Wege die Frage
stellen, warum der Wille fehlt, einen von ihnen zu gehen.
Im Volksmund sagt man „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“,
aber auch „Über Geschmack lässt sich streiten“. So heißt die Mahnung der
beiden: wir sollten weder darüber streiten, noch uns daran aufhalten, welchen
Weg wir zu gehen gedenken – meine Mahnung heißt: wir sollten uns darüber klar
werden, was uns auf den jeweiligen Wegen erwartet. Wir müssen prüfen, welcher
Weg zu welchem Ziel führt. Wieder aus dem Volksmund: „Der Weg ist das Ziel“.
Geht man davon aus, dass die Wirtschaftswissenschaft eine
exakte Wissenschaft ist, dürfte es nicht all zu viele Wege zur Realisierung
eines Grundeinkommens geben. Meiner Meinung nach darf man Modelle nicht als
Gefahr verstehen, sondern muss sie vielmehr als Argumentationshilfe zum Verständnis
der Idee verwenden.
Ich warne nicht vor Bündnissen, Konzepten oder Modellen, ich
warne davor, dass Menschen eine Idee befürworten, die das Paradies verspricht,
ohne den Weg dorthin zu nennen. Das führte in der Geschichte des öfteren zu
manch bösem Erwachen.
Jörg Drescher
Links:
Grußwort
zum einjährigen Bestehen des Hamburger Netzwerk-Grundeinkommen
Newsletter
Nr. 9 vom November 2006 des Netzwerk Grundeinkommens
|