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Wichtigkeit der Finanzierungsgrundlagen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Jörg Drescher    Bookmark and Share
Samstag, 3. 05 2008

Sascha Liebermann (Freiheit statt Vollbeschäftigung) erwähnte in seinem Grußwort zum einjährigen Bestehen des Hamburger Netzwerk-Grundeinkommen, dass jede Vereinheitlichung und jedes Bündnis eines bestimmten Konzept die Chancen der BGE-Verwirklichung gefährden würde. Schon im Newsletter Nr. 9 des Netzwerk Grundeinkommens vom November 2006 meinte Werner Rätz (Attac), dass Finanzierungsmodelle für die BGE-Idee unvermeidlich, aber schädlich seien. Dem möchte ich widersprechen und hier meine Gründe erklären.

Man kann viele Argumente für (aber auch gegen) ein Grundeinkommen vorbringen, die aus den Geisteswissenschaften, wie Philosophie, Psychologie, Soziologie, Politik usw. stammen. All diese Argumente haben gemeinsam, dass sie die positiven und negativen Wirkungen eines Grundeinkommens beleuchten. Naturwissenschaften, vor allem die Biologie, beschreiben hingegen objektiv nachprüfbar, dass jeder einen Grundbedarf zum Leben hat.

Die geisteswissenschaftliche Argumentation setzt sich zum Teil mit dem Lebensentwurf auseinander, wie dieser Grundbedarf gedeckt werden soll. Werner Rätz spricht in diesem Zusammenhang von einem zeitlosen Aspekt der Arbeit.

Fakt ist, dass die meisten Menschen heute glauben, sie würden „von Geld leben“. Das stimmt nur insofern, weil durch Geld die Möglichkeit gegeben wird, etwas zu kaufen, das zum Leben notwendig erscheint. Geld gibt somit nur indirekt die Möglichkeit zu leben, denn Geld kann man nicht essen.

Trotzdem sind die meisten Lebensentwürfe darauf ausgerichtet, Geld zu erwirtschaften. Doch es kommt immer häufiger dazu, dass es für das Angebot der eigenen Arbeitskraft keine Nachfrage gibt. Sofern keine anderen Einkünfte existieren, sind die Möglichkeiten zu leben (durch Geld) eingeschränkt, obwohl heute genügend Möglichkeiten zum Leben (durch Angebote) vorhanden sind.

Hierauf gründet die Idee des Grundeinkommens: Jeder soll genügend Geld zum Leben bekommen, damit er seinen Lebensentwurf verwirklichen kann. Das Warum lässt sich, wie gesagt, geisteswissenschaftlich diskutieren; die Notwendigkeit ist allerdings naturwissenschaftlich gegeben – aber die Umsetzung basiert auf der Wirtschaftswissenschaft.

Wirtschaftswissenschaft kann man als Wissenschaft der Wertentstehung anhand der Bemessungsgrundlage Geld betrachten. Sie basiert auf Angebot und Nachfrage. Dabei wird oftmals der tatsächliche Handel vergessen.

Doch was ist mit Menschen, die weder über Waren, noch über Arbeitskraft zum Handel verfügen? Gemeint sind vor allem Kinder, Kranke, Behinderte und Alte. Sie erzeugen zwar eine Nachfrage, aber können mit keinem Angebot aufwarten.

Darüber macht sich die Wirtschaftswissenschaft keine Gedanken, was einem wissenschaftlichen Herangehen entspricht. Wissenschaft ist weder moralisch, noch ethisch.

Doch wie erwähnt, wird der tatsächliche Handel oftmals in der Wirtschaftswissenschaft unterschlagen. Beim Handel wird man sich nämlich über den Tauschwert einig. Reden wir allerdings über Werte, verlassen wir den wissenschaftlichen Boden, da Werte keine objektive Bemessungsgrundlage haben. Ein Glas Wasser in der Wüste hat einen anderen Geldwert, als das gleiche Glas Wasser an einem sauberen Bergbach. Aber gerade Zahlenwerte sind Rechenbasis der Wirtschaftswissenschaft.

Diese Wissenschaft dominiert zunehmend alle Lebensbereiche, weil man allem einen Wert beimessen kann. Selbst die Idee eines Grundeinkommens entstand aus dieser Dominanz heraus und wird durch argumentative Bewertung befürwortet oder abgelehnt – letzten Endes durch die reale Umsetzbarkeit.

Wenn nun Werner Rätz und unabhängig davon Sascha Liebermann meinen, dass es schädlich und gefährlich sei, Finanzierungsmodelle zu diskutieren, ist dies eine Bewertung eines wichtigen Teilaspekts des Grundeinkommens. Ohne Einigung inkl. Bündnis bei den Umsetzungsmöglichkeiten bleibt die Idee eines Grundeinkommens Traum und Utopie.

Dabei verstehe ich die Position der beiden, denn sie sagen im Prinzip, dass zuerst ein Wille da sein muss, um einen entsprechenden Weg zu finden. Allerdings gehe ich von dem Ansatz aus, dass mögliche Wege die Frage stellen, warum der Wille fehlt, einen von ihnen zu gehen.

Im Volksmund sagt man „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, aber auch „Über Geschmack lässt sich streiten“. So heißt die Mahnung der beiden: wir sollten weder darüber streiten, noch uns daran aufhalten, welchen Weg wir zu gehen gedenken – meine Mahnung heißt: wir sollten uns darüber klar werden, was uns auf den jeweiligen Wegen erwartet. Wir müssen prüfen, welcher Weg zu welchem Ziel führt. Wieder aus dem Volksmund: „Der Weg ist das Ziel“.

Geht man davon aus, dass die Wirtschaftswissenschaft eine exakte Wissenschaft ist, dürfte es nicht all zu viele Wege zur Realisierung eines Grundeinkommens geben. Meiner Meinung nach darf man Modelle nicht als Gefahr verstehen, sondern muss sie vielmehr als Argumentationshilfe zum Verständnis der Idee verwenden.

Ich warne nicht vor Bündnissen, Konzepten oder Modellen, ich warne davor, dass Menschen eine Idee befürworten, die das Paradies verspricht, ohne den Weg dorthin zu nennen. Das führte in der Geschichte des öfteren zu manch bösem Erwachen.

Jörg Drescher

Links:

Grußwort zum einjährigen Bestehen des Hamburger Netzwerk-Grundeinkommen

Newsletter Nr. 9 vom November 2006 des Netzwerk Grundeinkommens

 
Diskutiere (2 Beitrag)
iovialis
Aw: Wichtigkeit der Finanzierungsgrundlagen
Nov 07 2008 09:02:03
Ein Traum setzt im allgemeinen einen Schlaf voraus und daraus kann man böse erwachen. Und das BGE bleibt ohne Modell, wie im Artikel dargelegt, Traum und Utopie. Zitat:
"Ohne Einigung inkl. Bündnis bei den Umsetzungsmöglichkeiten bleibt die Idee eines Grundeinkommens Traum und Utopie."
#17
ggg
Wichtigkeit der Finanzierungsgrundlagen
Nov 07 2008 08:15:59
In diesem Thema wird dieser Beitrag diskutiert: Wichtigkeit der Finanzierungsgrundlagen

Zum letzten Satz von Jörg Drescher "Das führte in der Geschichte des öfteren zu manch bösem Erwachen".
"Jedes böse Erwachen setzt einen tiefen Schlaf voraus." (Albert Einstein) Den BGE-Befürwortern zu unterstellen, sie befänden sich im Tiefschlaf setzt schon unheimlich viel Chuzpe voraus!
#16

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