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Ein BGE
setzt nicht zwingend Arbeitslosigkeit voraus – dieser Ansatz bietet auch
unabhängig davon die Möglichkeit, „Gemeinschaft“ neu zu definieren. Trotzdem wird bei nahezu jedem Vortrag die Frage gestellt: „Geht uns die Arbeit denn wirklich
aus?“
Gerne wird dann auf andere Länder verwiesen, die dieses Problem vermeintlich besser lösen mit dem daraus folgenden Rückschluss, wir hättenein hausgemachtes Problem.
Zugegeben: Einfache, pragmatische Lösungen sind nicht unsere
Stärke. Wir bevorzugen komplexe Lösungen, die vermeintlich gerechter sind, weil sie möglichst alle nur
erdenklichen Einsatzfälle berücksichtigen sollen. Dafür liebt man uns und
unsere Produkte in der Welt, aber wie jede Eigenschaft hat eben auch diese eine
Kehrseite.
Es ist einfach sehr schwierig, etwas in Frage zu stellen,
was einem absolut selbstverständlich erscheint -
weil man eben innerhalb gewisser Regeln und "Denkschemen"
aufgewachsen ist - "und es immer schon so war."
Die Arbeitswelt, wie wir sie heute erleben, erscheint uns
logisch – wir kennen ja nichts anderes. Jeder Mensch arbeitet möglichst 40
Stunden die Woche, denn nur damit kann er als vollwertiges Mitglied an unserer
Gesellschaft teilhaben. Unsere Gesellschaftsordnung ist darauf aufgebaut, man ist
nur ein wirklich vollwertiges Mitglied mit einem sozialversicherungspflichtigen
Arbeitsplatz, bzw. als Beamter, Freiberufler oder Selbstständiger.
Dabei
gibt es diese arbeitsteilige Welt soooo lange nun auch noch nicht: Erst mit
Start der Industrialisierung wurde begonnen, Arbeit aufzusplitten. Es wird,
heute noch mehr als früher, nicht mehr gearbeitet weil es etwas sinnvolles zu
tun gibt, sondern weil man eben 60, heute 40 Std. in der Woche einfach
arbeitet.
Und
die Produktion entfernte sich immer mehr vom Bedarf. Es wird schon lange nicht
nur produziert was benötigt wird, sondern es wird einfach produziert - weil man
ja was arbeiten muss.
Dadurch
sind andere Menschen damit beschäftigt, das was einfach mal so produziert
wurde, an die Frau/den Mann zu bringen. So kippte das Ganze dahin, dass eine
wesentliche Aufgabe in der 1. Welt darin besteht, den Menschen klar zu machen,
was sie alles brauchen (jährlich ein Handy, ein MP3-Player, eine neue
Digitalkamera - oft noch bevor der Akku getauscht werden muss). Wahrscheinlich
sind heute mehr Menschen in Werbung, Marketing, Vertrieb, indirekter Werbung,
Sponsoring, ersinnen von Produkt-Events etc. beschäftigt, als das zu tun, was wichtig wäre: Die Menschen
mit notwendigen Produkten und Dienstleistungen zu versorgen.
Im
Klartext: Die Industriegesellschaft, die knapp 200 Jahre funktioniert hat,
passt schon lange nicht mehr zu den Problemen unserer Welt. Ein Beispiel aus
der Lebensmittelindustrie:
In der 1. Welt arbeitet die Landwirtschaft extrem produktiv.
Wenn diese Arbeitsweise auf der ganzen Welt Einzug halten würde, hätten wir
weltweit ca. 2 Mrd(!!!) Menschen, die zusätzlich arbeitslos wären. Da diese
Menschen auch ein Recht auf Teilhabe haben, und das (heute) nur in
Erwerbsarbeit geht - was um Gottes Willen sollen diese 2 Mrd. Menschen denn
produzieren? Mit welchen Ressourcen?
Wenn man postuliert, dass es ein physikalisches Grundgesetz
ist, dass in einem begrenzten Bereich (Erde) ein unbegrenztes Wachstum nicht
möglich ist, nicken viele mit dem Kopf. Wenn man dann weiter ausführt, dass
also "Wachstum" somit nie die Lösung, sondern immer das Problem ist, legen viele Menschen die Stirn in Falten, lehnen
diese These ohne Begründung ab, oder murmeln was von "qualitativen statt
quantitativen Wachstum" - oder ähnlichen Selbstberuhigungsmitteln.
Natürlich
kann man sich noch einige Jahre mit Niedrig- und Kombilöhnen etc. am Problem
"vorbeimogeln", kann nach Hartz IV ein Hartz V oder VI initiieren. Natürlich
gibt es noch Nischen, natürlich sind andere europäische Länder noch ein wenig
flexibler und bekommen das Wachstumsproblem zumindest zeitweise etwas besser in
den Griff als wir. Aber letztendlich löst das alles nicht das Kernproblem.
Der
Ansatz, jeder Mensch muss 40 Std. die Woche irgendetwas produzieren um an der Gesellschaft
teilhaben zu können, hat -wie viele andere Ansätze- relativ lange funktioniert,
ist aber eben auch keine Lösung für immer und ewig.
DIESE
Art der Beschäftigung geht uns also tatsächlich aus: Die Ressourcen dieser Welt
geben das nicht her, und die damit produzierten Produkte kann irgendwann kein
Mensch mehr abnehmen.
Ich
gebe zu, dass es naturgemäß sehr schwierig ist, diese einfachen und
ungewohnten Wahrheiten anzunehmen,
auszusprechen und zu verinnerlichen. Wir sind „Rudeltiere“ und orientieren uns
daher immer daran, was „man“ denn so denkt – oder daran, was man meint das
„man“ denn so denkt.
Auf
diese Weise ist es den Menschen bisher noch nie gelungen, auch nur eine einzige
vorhersehbare Katastrophe abzuwenden. Aber der Mensch hofft, solange er lebt –
vielleicht klappt's ja diesmal....
Christopher Bodirsky
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